L'arme de paix von Snek, Beitrag zum Street-Art-Festival 2019
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Faszinierend: die Street-Art von Grenoble

Die Street-Art von Grenoble polarisiert: für die einen ein Ärgernis, für die anderen ein neuer künstlerischer Ausdruck. Grenoble zeigt, wie vielfältig heute die Straßenkunst ist. Kommt mit auf eine Entdeckungsreise erstaunlicher tags und pieces!

Hochburg der Wandbilder von Grenoble ist das Championnet-Viertel rund die Rue Génissieu mit ihren kleinen, inhabergeführten Läden, angesagten Bars und Cafés und einer sehr durchmischter Bebauung.

Spacejunk. Foto: Hilke Maunder
SpaceJunk. Foto: Hilke Maunder

Hotspot für neue urbane Kunst

Hier findet ihr in Haus Nr. 34 die Galerie SpaceJunk. Als Kulturzentrum macht sie gezielt neue Kunstformen öffentlich: Lowbrow, Board Culture, Pop – und auch Street-Art. Letztere ist in Grenoble nichts Neues mehr. Bereits 1976 holten Catherine Tasca und Yann Pavie den Künstler Ernest-Pignon-Ernest (*1942) in die Hauptstadt des Départements Isère. Ihr Ziel: mit einem exemplarischen Straßenkunstwerk den Kontakt zwischen Kultur und Wirtschaft neu zu leben.

Typisch für den Künstler aus Nizza sind großformatige Figuren und Fotos in Schwarzweiß. Ohne offizielle Genehmigung klebt Pignon sie aus vergänglichem Papier auf Mauern und Fassaden. So personalisiert er den Ort. Und lädt die Architektur von Orten so mit Geschichten auf. Pignon lebt heute in Paris – und arbeitet weltweit.

Ordering Machine von NEVERCROW. Foto: Hilke Maunder
Operating Machine von NEVERCREW. Foto: Hilke Maunder

Politisch, provozierend und poetisch

Street-Art ist – auch in Grenoble – sehr oft politisch. Mit dem Wandbild Operating Machine kritisieren Christian und Pablo Togni von NeverCrew die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch den Menschen. Das Duo schuf das riesige Wandbild 2016 für das Grenoble Street Art Fest. Natur und Umwelt waren bereits bei früheren Wandbildern Thema der beiden Schweizer, die seit 1996 zusammenarbeiten. In Berlin findet ihr in der Bülowstraße ihr Werk Highlighting Machine No.1. Es entstand innerhalb von drei Tagen.

Zu den schönsten Wandbildern von Grenoble gehört für mich L’arme de paix von Jérôme Doutaz Snek in der Rue Doudart de Lagrée Nr. 10, das ich als Titelbild für diesen Beitrag wählte. Snek fertigte es für das Street-Art-Festival 2016. Vereint der Künstler aus Grenoble darin nicht wunderschön Graffiti und Kalligrafie?

Ebenfalls von Snek stammt dieses Werk in der Rue Génissieu. Foto: Hilke Maunder
Ebenfalls von Snek stammt dieses Werk in der Rue Génissieu. Foto: Hilke Maunder

Bereits 2015 malte der italienische Graffiti-Künstler Wany dieses Fantasiewesen in der Rue Génissieu 7.

Das Stendhal Syndrom von Mr. Wany. Foto: Hilke Maunder

Sehr politisch ist Goin. Sein Athener Protestbild Need Food, not Football anlässlich der Fußball-WM machte ihn 2013 auf einen Schlag berühmt. In Grenoble schuf er für das Festival eine neue Marianne. Goin ist ein stencil artist und arbeitet vorwiegend mit Schablonen.

Die Marianne von Goin. Foto: Hilke Maunder
Die Marianne von Goin. Foto: Hilke Maunder

Künstler aus alter Welt

Anthony Lister aus Queensland gilt als einer der besten zeitgenössischen australischen Künstler. Was er für das Festival auf der Fassade einer Tanzschule hinterließ, finde ich im Vergleich mit den anderen Arbeiten aber eher durchschnittlich.

Street Art in Grenoble: Anthony Lister auf einer Tanzschule in der Rue Génissieu. Foto: Hilke Maunder
Anthony Lister auf einer Tanzschule in der Rue Génissieu. Foto: Hilke Maunder

Aus Argentinien kam AnimaltoLand nach Grenoble. Hinter dem seltsamen Namen verbirgt sich Graciela Gonçalves Da Silva. Sie hat in Grenoble insgesamt bislang zwei farbenfrohe Fresken geschaffen.

Die staunenden Augen des Mädchens blicken auf einen knuffigen Teddybär, der von der Wandfläche der ersten Etage zwischen zwei Balkonen auf sie herabsieht.

Das staundende Mädchen von AnimaltoLand (Argentinien) in der Rue Génissieu. Foto: Hilke Maunder
Das staunende Mädchen von AnimaltoLand (Argentinien) in der Rue Génissieu. Foto: Hilke Maunder
Der Teddybär von AnimaltoLand. Foto: Hilke Maunder
Der Teddybär von AnimaltoLand an der Fassade der Rue Génissieu 34. Foto: Hilke Maunder

Auch der freie Kunst-Kurator Jérôme Katz, der derzeit das SpaceJunk-Kulturzentrum leitet, hat in der Rue Génissieu ein Wandbild hinterlassen: ein großes Auge.

Frankreichs Antwort auf Banksy

C215 ist das Kürzel des Pariser Street-Art-Künstlers Christian Guémy, der gerne als „Frankreichs Antwort auf Banksy“ bezeichnet wird.

Street Art in Grenoble. Amy Winehouse
Amy Winehouse von C215 – ganz ähnlich malte C215 sie auch für die Londoner Brick Lane. Foto: Hilke Maunder

Warum der Stencil-Künstler gerade dieses Kürzel wählte? Es war die Nummer der Zelle, in der er wegen seiner damals unerlaubten „Schmierereien“ eingesessen hatte. Heute buchen Unternehmen weltweit seine urban art. Mittlerweile gibt es die stencils von C215 sogar digital: Ubisoft hat sie in einige seiner Computerspiele eingebaut. In Grenoble hat C215 eine wunderschöne Katze auf die Fassade des Restaurants La Villa in der Rue des Bergers hinterlassen.

Le Chat de la Villa, die Katze der Villa, ein Beitrag von C215 zum Street Art Fest 2015. Foto: Hilke Maunder
Le Chat de la villa, die Katze der Villa, ein Beitrag von C215 zum Street Art Fest 2015. Foto: Hilke Maunder

Kunstform des 21. Jahrhunderts

Fast genauso lange wie C215 ist der Street-Art-Künstler Sten. Auch er wird inzwischen von großen Unternehmen gebucht. So bestellte der Sporthersteller Salomon zum 70. Firmengeburtstag ein großes Wandbild. In Grenoble verzierte der „Mischer der Farben“ 2015 eine Fassade mit den Arômes de murène.

Arômes de murène nannte Étien' sein Wandbild in der Rue des Bergers. Foto: Hilke Maunder
Arômes de murène nannte Étien‘ sein Wandbild in der Rue des Bergers. Foto: Hilke Maunder

Aus Grenoble stammt auch das Street-Art-Trio Srek, Greg & Will, das seit den 1990er-Jahren zusammenarbeitet. In der Rue des Bergers haben die drei Männer während des ersten Festivals 2015 die Garagen mit einem imposanten, farbenfrohen Adler geschmückt.

L'aigle (Adler), ein Werk von Srek, Greg & Killah One & 1Pact für das Street Art Fest 2015. Fotoz: Hilke Maunder
L’aigle (Adler), ein Werk von Srek, Greg & Killah One & 1 Pact für das Street Art Fest 2015. Foto: Hilke Maunder

Wenig weiter findet ihr bei Hausnummer 10 ein weiteres Werk, das 2016 entstand – eine karibisch anmutende Frau. Die Rue Génissieu und die parallel verlaufende Rue des Bergers sind Hochburgen der Street Art. Doch auch außerhalb des angesagten Championnet-Viertels findet ihr viele spannende Werke.

Für das erste Street Art Festival von Grenoble malte Kouka, ein Pariser Sänger und Street Art-Künstler, dieses "biblische" Wandbild Les bergers d'Arcadie (De HIrsten von Arkadeien) in der Rue Thiers . Foto: Hilke Maunder
Für das erste Street Art Festival von Grenoble malte Kouka, ein Pariser Street Art-Künstler, das „biblische“ Wandbild Les bergers d’Arcadie (Die Hirten von Arkadeien) in der Rue Thiers. Foto: Hilke Maunder

Das Grenoble Street Art Fest lädt seit 2015 französische und internationale Street-Art-Künstler für mehrere Wochen im Juni/Juli ein, auf öffentlichen Fassaden ihre Werke zu hinterlassen.

LKS1 ais Frankreich schuf 2015 diesen Beitrag zum Street Art Fest. Foto: Hilke Maunder
LKS1 aus Frankreich schuf 2015 diesen Beitrag zum Street Art Fest. Foto: Hilke Maunder

Welche Faszination die urbane Kunst auf die Besucher der Stadt ausübt, hat längst auch das Office de Tourisme erkannt und bietet Führungen auf den Spuren der Straßenkünstler an. Das stößt einigen bitter auf. Sie haben das Festival kurzerhand umbenannt – in Grenoble Street Art Tourism Fest.

Street Art in Grenoble. Foto: Hilke Maunder
Le Pen täuscht euch, verweist die zweite Zeile auf die französische Politik. Foto: Hilke Maunder

Die Street-Art von Grenoble im Estacade-Viertel

Zweites großes Gebiet der Street-Art ist der nahe Produzentenmarkt an den Schienen der SNCF. Dort ist vor allem ein Künstler tätig: Jérôme Favre alias Nessé.

Markt in Grenoble. Foto: Hilke Maunder
Am Estacade-Markt. Foto: Hilke Maunder
Markt in Grenoble. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Seit 2018 malt der Künstler neben Wandbildern zum Marktgeschehen auch Fresken zum Thema Leben auf der Schiene. Inspirieren lässt er sich dabei von alten Fotos, die er in Büchern und Zeitschriften zum Thema Eisenbahn findet.

Grenoble, Street Art von Nessé an der Estacade-Bahnbrücke. Foto: Hilke Maunder
Street-Art von Nessé an der Estacade-Bahnbrücke. Foto: Hilke Maunder
Seit 2018 malt der Künstler neben Wandbildern zum Marktgeschehen auch Fresken zum Thema Leben auf der Schiene. Inspirieren lässt er sich dabei von alten Fotos, die er in Büchern und Zeitschriften zum Thema Eisenbahn findet.
Nessé verewigt Bahngeschichte in seinen Bildern. Foto: Hilke Maunder

Street-Art in Grenoble: Le M.U.R

Hinter Le M.U.R. verbirgt sich eines der erfolgreichsten Street-Art-Konzepte Frankreichs. Die Abkürzung steht für Modulable, Urbain, Réactif – eine „modulare, urbane und reaktive“ Kunstwand, die sich permanent verändert. Entstanden ist die Idee 2003 in Paris: Künstler gestalten live eine Wand im öffentlichen Raum, wenige Wochen oder Monate später verschwindet das Werk bereits unter der nächsten Intervention.

Gerade diese Vergänglichkeit gehört zum Konzept. Street Art soll nicht konserviert, sondern als lebendiger Teil der Stadt erlebt werden. Inzwischen existieren Ableger in zahlreichen französischen Städten wie Paris, Lyon, Rouen, Mulhouse oder Grenoble.

Street Art in Grenoble. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Le M.U.R. 1

2018 kam Le M.U.R nach Grenoble. Mit einer Arbeit des französischen Street-Art-Künstlers Hopare eröffnet in der Alpenmetropole im Vorort Échirolles Le M.U.R. Grenoble an der Avenue du 8 Mai 1945. Seitdem wechseln mehrmals pro Jahr die Künstler und Motive. Jede neue Freske übermalt die vorherige und verwandelt die Wand in eine ständig erneuerte Freiluftgalerie. Das Projekt wird von der Kuratorin Magali Féret betreut und brachte zahlreiche internationale Urban-Art-Künstler nach Grenoble.

Mit Le MUR 2 Grenoble erhielt dieses Prinzip im Frühjahr 2026 eine zweite Bühne – diesmal mitten im historischen Zentrum der flachsten Stadt Frankreichs. Mit ihrem Ableger in der Rue des Clercs nahe der Place Grenette und der Place Saint-André wollten die Initiatoren Groek und Nesta die Street Art bewusst aus den klassischen Szenevierteln herausholen und direkt ins Herz der Altstadt bringen. Dort entstehen die Werke ebenfalls live innerhalb von zwei Tagen, begleitet von Musik, Begegnungen und öffentlichen Vernissagen. Danach beginnt der Kreislauf von Neuem: Die nächste Intervention überdeckt die vorige.

Street Art in Grenoble von M4U & Romain Minotti in 22, rue Thiers. Foto: Hilke Maunder
Street Art in Grenoble von M4U & Romain Minotti in der Rue Thiers 22. Foto: Hilke Maunder

Die erste Arbeit von Le MUR 2 schuf Anfang März 2026 der französische Künstler Alëxone Dizac mit seinen poetisch-verspielten Figurenwelten. Weitere Einladungen gingen unter anderem an Hunter und Tiny Tim. Grenoble entwickelt sich damit immer stärker zu einem offenen Museum urbaner Kunst. Mehr als 400 Fresken verteilen sich inzwischen über die Stadt und ihre Vororte. Temporäre Projekte wie Le M.U.R. verleihen dieser Szene zusätzliche Dynamik: Keine Wand bleibt dauerhaft gleich, jede Intervention verändert den Blick auf die Stadt aufs Neue.

L'Oeil (das Auge) von Jérôme Catz wacht über einen Hof in der Rue Génissieu. Foto: Hilke Maunder
L’Oeil (das Auge) von Jérôme Catz wacht über einen Hof in der Rue Génissieu. Foto: Hilke Maunder

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Im Buch

Klaus Simon, Hilke Maunder, Secret Citys Frankreich*

Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

Mit dabei sind auch Senlis, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Voilà Frankreich für Kenner  – und Neugierige!

Lasst euch zu neuen Entdeckungen inspirieren … oder träumt euch dorthin beim Blättern im Sessel oder am Kamin. Wer mag, kann das Lesebuch mit vielen schönen Bildern hier* bestellen.

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