GR 34: vom Cap Fréhel zur Côte du Granit Rose
Die Küsten der Bretagne erschließt einer der schönsten Weitwanderwege der Welt: die Grande Randonnée GR 34.
Der Küstenweg schlängelt sich durch duftende Heidekrautfelder und einen dichten Teppich von Vegetation, der im Laufe der Jahreszeiten seine Farbe von Grün über Gelb bis nach Violettrosa verändert. Sanfte Hügel und steile Klippen eröffnen immer wieder neue Aussichten, die geradezu berauschen.
Auf diesem Saumpfad hoch über dem Meer patrouillierten einst Zöllner. Die Sentiers des Douaniers wurden in der Französischen Revolution von der Zollbehörde angelegt und dienten zur Überwachung der Küsten und zum Schutz vor Schmugglern und Strandräubern, die im Dunkel der Nacht auf Grund gelaufene Schiffe ausplünderten.

Die bretonischen Küsten waren aufgrund ihrer zerklüfteten Formen und ihrer Länge ein idealer Anlegeplatz für Schmugglerschiffe. Des Nachts brachten sie dort illegal Waren aller Art an Land. So spähten bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, Tag und Nacht und bei jedem Wetter, regelmäßig Zöllner auf den schmalen Pfaden entlang der Küste nach verbotenen Schiffsentladungen.
Heute stehen diese Sentiers des Douaniers unter Naturschutz und bilden als Grande Randonnée GR 34 den längsten Weitwanderweg der Bretagne. Er beginnt im Norden am normannischen Mont-Saint-Michel und endet nach mehr als 2.000 Kilometern in Saint-Nazaire. Auf seinem Weg umrundet er stürmische Kaps und weite Halbmondbuchten, Hinkelsteine und Heideflächen, Fischerdörfer, Fachwerkstädtchen, Malerkolonien und berühmte Seebäder.
Die Küstenroute der Nordbretagne

Für den Einstieg in den berühmten Wanderweg entlang der Nordküste der Bretagne gibt es, je nach Kondition, Zeit und persönlichen Vorlieben, ganz viele verschiedene Einstiege. Einige beginnen ihre Wanderung bereits am Nullpunkt der Route bei der Grenze der Regionen Normandie und Bretagne am Mont-Saint-Michel, andere erst in Saint-Malo, Dinard und Saint-Lunaire, beliebten Badeorten der Smaragdküste zwischen der Pointe du Grouin nördlich von Cancale und Saint-Brieuc.
In Saint-Brieuc beginnt die etwa 50 Kilometer lange, sehr abwechslungsreiche Côte du Goëlo, die sich bis zur „Blumeninsel“ Île de Bréhat erstreckt. Danach erreicht die GR 34 ihren wohl berühmtesten Abschnitt: die rosa Granitküste –la côte du granit rose.
Saint-Cast-le-Guildo

Wer von Saint-Malo aus westwärts wandert, erreicht bald den charmant nostalgischen Badeort Saint-Cast-le-Guildo. Sieben Strände gruppieren sich um die geschützte Bucht zwischen der Pointe de la Garde im Osten und der Pointe de Saint-Cast im Westen – von feinsandigen Familienbadestränden bis zu windgepeitschten Surferbuchten.

Der Name des Ortes verrät seine doppelte Seele: Saint-Cast am Meer, Guildo am Fluss. Seit 1972 vereint, bilden sie ein reizvolles Ensemble aus Belle-Époque-Charme und maritimer Idylle. Der kleine Hafen von Guildo verwandelt sich im Rhythmus der Gezeiten. Bei Ebbe liegen die bunten Boote träge im Schlick, bei Flut tanzen sie elegant auf dem Wasser des Arguenon.

An der Pointe de Saint-Cast mahnt ein steinernes Denkmal an dramatische Zeiten: Am 11. September 1758 schlugen hier französische Truppen einen englischen Landungsversuch zurück – eine der wenigen Schlachten des Siebenjährigen Krieges auf französischem Boden. Heute wiegt sich nur noch der Ginster im Seewind, und der Blick schweift über die Bucht zum Ebihens-Archipel und nach Saint-Jacut-de-la-Mer.
Fort la Latte

Auf dem Weg zum berühmten Cap Fréhel kommt ihr auch am Fort la Latte vorbei. Schier uneinnehmbar thront die gut erhaltene Burg aus dem 13. Jahrhundert auf einer schmalen Landzunge am Eingang der Baie de la Fresnaye. Zugang gewähren zwei Zugbrücken, die Felsspalten überwinden. Vom Bergfried und Wehrgang genießt ihr ein unvergleichliches Panorama auf die Côte d’Émeraude.
An drei Seiten von Wasser umgeben, soll bereits im 10. Jahrhundert eine Burg über der Bucht gethront haben. Der heutige Bau geht im Kern auf eine von den Herren Goyon-Matignon im 13./14. Jahrhundert erbaute Anlage zurück, die unter Ludwig XIV. zur Festung ausgebaut wurde. In den Bergfried aus rosa Granit zogen Wachen ein, die Schiffe aus Saint-Malo vor Angriffen der Holländer und Engländer schützen sollten. Ihr Ausguck war die Tour de l’Echauguette – bis heute beeindruckend!
Seit 1931 ist das Fort Privatbesitz – und bis heute gibt es für die Burgherren weder elektrischen Strom noch warmes Wasser. Besichtigen könnt ihr die Burg von April bis September – und beim Picknick am schmalen Strand sie ausgiebig in Ruhe studieren
Drehort für Hollywood

Die Dramatik der Lage und Architektur begeisterten auch den US-amerikanischen Regisseur Richard Fleischer. 1957 wählte er die Burg als Kulisse für den seinerzeit teuersten und farbenprächtigsten Abenteuerfilm in Hollywoods Geschichte: Die Wikinger. Mit Plakaten ließ er in der Bevölkerung Komparsen suchen – „große, kräftige Männer mit Bart!“
Als Hauptdarsteller flog Fleischer Hollywoods Dream-Team ein – Kirk Douglas (Einar) und Tony Curtis (Erik). Als die beiden Halbbrüder sich in Janet Leigh (Prinzessin Morgana) verlieben, wandelt sich Freundschaft in Hass. Im wahren Leben jedoch waren Curtis und Leigh bereits seit sechs Jahren ein Paar.

Kämpfende königstreue Katholiken
1988 machte Philippe de Broca das Fort zum Schauplatz seines pompösen Historiendramas Chouans– Revolution und Leidenschaft*, das in den Revolutionswirren des Jahres 1793 spielt.Während in Paris die Republik regiert, bekämpfen sich in der Bretagne die revolutionären „Blauen“ und die königlichen „Weißen“, die Chouans. Der Riss geht mitten durch die Familie des Grafen de Kerfadec (Philippe Noiret). Sein leiblicher Sohn Aurèle (Stéphane Freiss) wird zum Anführer der Chouans, sein Stiefsohn Tarquin (Lambert Wilson) stellt sich auf die Seite der Republikaner. Und wiederum ist es eine Frau, die den Streit eskalieren lässt: Céline (Sophie Marceau).
Keltischer Liebesmythos
Nicht minder monumental war die Produktion, die SAT 1 im Jahr 1999 für die deutschen Fernsehzuschauer auf dem Fort la Latte realisierte: „Tristan und Isolde – Eine Liebe für die Ewigkeit“. Doch das zweiteilige Fantasy-Epos mit 140 Darstellern, Komparsen und Pferden kam beim Publikum nur mäßig an – trotz der Zugpferde Ralf Bauer, Joachim Fuchsberger und Lea Bosco.
Cap Frehel

Das Cap Fréhel ist das Juwel der Nordbretagne – wild, weit und überaus filmreif. Doch am besten kommt ihr außerhalb der Hauptsaison: Nur dann ist es dort noch wirklich ursprünglich. Tosend umspült die Brandung die schroffen, bis zu 70 Meter hohen Klippen aus rotem Sandstein und schwarzem Schiefer.
Weit schweift der Blick über den schier endlosen Atlantik, bleibt an einem heimkehrenden Fischerboot heften, erfreut sich an glitzernden Sonnenstrahlen, die auf den Wogen tanzen, verliert sich in der Ferne am Horizont und lässt träumen. Aquamarin bis Nachtblau leuchtet das Meer. Die frische Meeresbrise erfüllt die Luft mit einer salzigen Reinheit, die die Sinne belebt.

Kormorane, Austernfischer, Seemöwen und andere Seevögel nisten in den Felswänden der Grande Fauconnière und Petite Fauconnière. Stechginster und Heide bedecken das Land. Narzissen, Nelken und Wildhyazinthen leuchten aus dem Gelb und Lila.
Narzissen, Nelken und Wildhyazinthen leuchten aus dem Gelb und Lila. Das Cap Fréhel gehört für mich zu den landschaftlichen Höhepunkten der Bretagne – und ist nicht nur ein Ort, um die Natur zu bewundern, sondern auch, um sie intensiv zu erleben.

Vaubans Erbe
Auf dem windigen Felskap ließ Vauban den 1702 eingeweihten alten Leuchtturm errichten. Der Festungsbaumeister von Ludwig XIV., dessen Wehrbauten zum Welterbe gehören, kaufte dazu zum Preis von 7.090 Livres (andere Quellen: 6.890) Steine von den normannischen Îles Chausey. Dem Leuchtturmwärter wurde ein Jahreslohn von 200 Livres gewährt. Als Leuchtmittel wurde zunächst Steinkohle in einer offenen Pfanne verbrannt.
1822 revolutionierte der französische Physiker und Wellenforscher Fresnel am Cap Fréhel die Signaltechnik. 60 drehbare Fresnel-Linsen reflektierten fortan das Licht der dann ebenfalls neu installierten Rapsöllaternen. Das erste Intervall-Rotationsfeuer war erfunden.

Ein Kap, zwei Leuchttürme
Die Tour Vauban ist heute eine Ruine. Das aktive Leuchtfeuer befindet sich in dem monumentalen Neubau von 1950, da der Vorgängerbau 1944 von der deutschen Wehrmacht gesprengt wurde. Dieses 33 Meter hohe Leuchtfeuer könnt ihr im Sommer besteigen!
Doch auch von den Klippen ist die Fernsicht fantastisch. Im Westen seht ihr die Île de Bréhat, im Norden die britische Kanalinsel Jersey sowie die normannische Cotentin-Halbinsel, im Nordosten den Chausey-Archipel und die Stadt Granville. 400 Meter weiter sendet eine Sirene bei Nebel jede Minute eine Zweitongruppe.

Kinoreifes Kap
Im Januar 2011 rückte Jalil Lespert mit seiner Filmcrew an, um den Roman Des vents contraires* (Gegenwind) zu verfilmen. Olivier Adams Werk hatte beim Erscheinen 2009 selbst für Wirbel gesorgt. Die ergreifende Geschichte erzählt vom Schicksal eines Mannes, der von seiner Frau verlassen wurde. Mit seinen zwei Kindern zieht er zurück in seine Geburtsstadt Saint-Malo und baut an der Smaragdküste ein neues Leben auf.
Drei Tage lang drehte Lespert am Cap Fréhel und im Dörfchen Plévenon, das seitdem auf klingelnde Kassen durch Film-Fans hofft. Weitere Drehorte waren Saint-Malo, Dinard und Saint-Lunaire. Für die Hauptrollen suchte Lespert Benoît Magimel, Marie-Ange Casta und Isabelle Carréaus aus. Die Stars schätzten besonders die Bar-Tabac-Crêperie La Madrine. Das Lokal war während der Drehtage ihr Treffpunkt.

Brigitte Bardot am Cap Fréhel
Starrummel am Cap Fréhel gab es bereits 1970, als Brigitte Bardot (Agnès) in Les Novices* (Die Novizinnen) den Badeausflug des Ordens nutzte, um dem klösterlichen Leben den Rücken zuzukehren. Mit der Hilfe der lebenslustigen Prostituierten Lisa (Annie Girardot) geht sie stattdessen im Pariser Rotlichtmilieu dem ältesten Gewerbe der Welt nach. Doch am Ende siegt die Moral. Regisseur Guy Casaril lässt Agnès als hoffnungslosen Fall wieder ins Kloster zurückkehren und die Straßendirne ihre Profession aufgeben.
Die Krokodil-Bucht

Wer der GR 34 vom Cap Fréhel gen Westen folgt, erreicht die Anse du Croc – einen drei Kilometer langen Küstenstreifen mit feinstem Sand, Sanddünen, Pinien und Krüppelkiefern beim kleinen Örtchen Pléhérel-Plage. Im Westen schirmt die Steilküste mit der Kapelle von Vieux-Bourg die Halbmondbucht ab, die sich gen Westen bis zum Strand von Les Grèves d’en Bas erstreckt. In der Hauptsaison Juli/August überwachen Bademeister den Strand.

Die höchsten Klippen der Bretagne
Die GR 34 verführt dazu, immer weiterzuwandern – von Bucht zu Bucht, von Klippe zu Klippe. Von Erquy nach Saint-Quay-Portrieux führt der Weg zu den höchsten Klippen der Bretagne. An der Pointe de Plouha stürzen 104 Meter dunkle Schieferwände senkrecht ins schäumende Meer. Schwindelerregend!

Von der höchsten Landspitze der Bretagne eröffnet sich ein grandioses Panorama: links der Bréhat-Archipel, rechts die Bucht von Saint-Brieuc, geradeaus das Cap Fréhel. Der Wind pfeift unerbittlich über die Hochebene, während tief unten die Brandung donnernd gegen die Felswände kracht.
Versteckt in den Falten der 14 Kilometer langen Felsküste liegt die Plage de Palus. Eine schmale, in den Fels gehauene Treppe führt hinab zu einem der wildesten Strände der Bretagne, der bei Flut vollständig vom Meer verschlungen wird. Der Abstieg ist beschwerlich, die wilde Urnatur einfach grandios. In den Nischen der Klippen nisten Silbermöwen und Kormorane, und am fernen Horizont verschmelzen Himmel und Meer.
Der Hafen der Islandfischer

Die kleine Hafenstadt Paimpol hat die Literatur geprägt. Hier siedelte Pierre Loti die Handlung seines Romans Die Islandfischer* an – bis heute lesenswert. Zwischen 1850 und 1935 war Paimpol der wichtigste bretonische Hafen für die Islandfischerei. Sechs Monate dauerten die Fahrten, über 2.000 Paimpolais verloren dabei ihr Leben. Perdu en mer – verloren auf See – steht auf unzähligen Gedenktafeln. In den gepflasterten Gassen des Hafenviertels erzählen prächtige Kapitänshäuser von jener Zeit, als hunderte Schoner zu den gefährlichen Fischgründen vor Island ausliefen.

Heute schaukeln Segelboote und bunte Fischkutter im geschützten Hafen. In den Restaurants werden fangfrische Jakobsmuscheln und Austern serviert. Doch der raue Charme der Seefahrerzeit ist noch spürbar – besonders in geraden Jahren im August, wenn die Fête du Chant de Marin Paimpol in ein großes Freilichttheater verwandelt und Shanty-Chöre aus aller Welt alte Seemannslieder erklingen lassen.
Die rosa Granitküste

An der Pointe de l’Arcouest beginnt einer der eindrucksvollsten Abschnitte des GR 34: die wilde Kulisse aufgetürmter Granitfelsen an der Nordküste. Ein kleines Haus, eingeklemmt zwischen zwei imposante Felsen beim Gouffre von Plougrescant, wurde zum wohl berühmtesten Postkartenmotiv Côte du Granit Rose, die sich westlich bis nach Saint-Michel-en-Grève erstreckt.
Die Steinkolosse entstanden vor rund 300 Millionen Jahren, als flüssiges Magma aus dem Erdinneren emporstieg. Seitdem schützen die eindrucksvollen Monolithe und Felsgruppen das Festland vor der anbrandenden See – besonders eindrucksvoll an der Pointe du Château nördlich von Tréguier und der Küste westlich von Perros-Guirec.

Wind und Wasser, Salz und pflanzliche Säuren formen seitdem das Steingebirge, polieren die Felsen und schaffen die sonderbarsten Skulpturen aus Stein. Fantasievoll belegten die Bretonen sie mit Namen: ein Pfannkuchen-Stapel(tas de crêpes), Schildkröten(tortues) und sogar eine Hexe (sorcière) erheben sich im chaos, dem Felsenmeer von Trégastel. Allerdings schimmern die Steine der rosa Granitküste nur bei bestimmtem Licht leuchtend rot und rosa, sonst eher gelblich, grau oder blau.
Die malerische Küste war oft Kulisse für großes Kino. An der rosa Granitküste entstand der in Frankreich bekannte Film L’Hôtel de la plage mit Anne Parilaud. Vorbild war das Grand Hôtel des Bains von Locquirec.

Unterwegs auf dem GR 34 vom Cap Fréhel zur Granitküste: meine Reisetipps
Schlemmen und genießen
Picknick am Cap
Direkt am Cap Fréhel gibt es keine Gaststätten. Perfekt also für ein Picknick direkt an der Küste!
Le Petit Galet
„Der kleine Kiesel“ nennt sich eine Crêperie mit Terrasse zur Straße in der Nähe des Fort la Latte.
• 22, La Latte, 22240 Plévenon, Tel. 02 96 41 58 07
La Ribote
An der Zufahrtsstraße zum Cap Fréhel findet ihr dieses Lokal, dessen legeres Ambiente nicht ahnen lässt, wie köstlich die Küche ist. Der Klassiker heißt moules frites, doch lasst etwas Platz für die Desserts!
• 16, route du Cap, 22240 Plévenon, Tel. 02 96 41 43 76
Hier könnt ihr schlafen*

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