Das neue Nantes: Le Bas-Chantenay

Chantenay Der Patron von Chez Hugo blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Hilke Maunder
Der Patron von Chez Hugo blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Hilke Maunder

Zwischen der Butte Sainte-Anne und der Loire liegt das spannendste Stadtentwicklungsprojekt von Nantes: Le Bas-Chantenay.

„Ich stecke mittendrin. Meine Bar hat die perfekte Lage!“ Hugues Trichart, Patron von Chez Hugo, ist sichtlich stolz. Seine Weinbar liegt an der Rue Bougainville.

Und damit mitten in Le Bas-Chantenay. Das einstige Industrie- und Werftgebiet zwischen dem Hügel Butte Sainte-Anne und der Loire ist der neue Hotspot der Stadtentwicklung.

Der Boulevard de Cardiff von Chantenay. Foto: Hilke Maunder
Der Boulevard de Cardiff von Chantenay. Foto: Hilke Maunder

Wandel im Werftviertel

Im engen Dialog mit den Bürgern hat Bernard Reichen das jüngste Entwicklungsprojekt von Nantes konzipiert. Seine fünf Zonen hat der städtische Stadtplaner cales genannt – in Anlehnung an die Trockendocks der Werften.

Das Problem des Projekts besteht darin, Wohnen, Aktivitäten, Industrie und Freizeit in einer attraktiven und angenehmen Nachbarschaft unter einen Hut zu bringen.

Ziel dieses Projekts ist es, das beste Gleichgewicht zwischen der gegenwärtigen und zukünftigen Nutzung dieses Bezirks zu finden.

Voyages à Nantes: Im Parc des Oblates wachsen auch zahlreiche alte Apfelsorten. Foto: Hilke Maunder
Im Parc des Oblates wachsen auch zahlreiche alte Apfelsorten. Foto: Hilke Maunder

Grün und stadtnah

Die Lage ist perfekt. Le Bas-Chantenay ist noch fußläufig zur Stadt. Und trotz des industriellen Erbes bereits ganz schön grün. Der Parc des Oblates hat mit alten Apfel- und Birnbäumen und einem Küchengarten das Landleben von einst in die Stadt geholt.

Belle-Île-Schafe halten dort das Gras kurz. Ein Spielplatz mit viel Holz, Klettergerüst und Nestversteck fördert die Fantasie beim Spielen und Toben. Und überall in den grünen Oasen habt ihr einen herrlichen Blick auf die Loire und die Stadt.

Nantes: Le Parc Extraordinaire. Foto: Hilke Maunder
Der Blick von der Promenade auf den Jardin extraordinaire. Foto: Hilke Maunder

Der Jardin extraordinaire

Der Granitsteinbruch von Miséry ist seit Le Voyage à Nantes 2019 ein faszinierender Stadtpark. Drei künstliche Wasserfälle stürzen sich dort als feuchter Strahl von der bis zu 30 m hohen Steilklippe, die den Jardin Extraordinaire als Halbrund umgibt.

Le Voyage à Nantes. Direkt an der Loire: der Parc Extraordinaire. Foto: Hilke Maunder
Direkt an der Loire: der Parc Extraordinaire. Foto: Hilke Maunder

An der Ostseite des einstigen Steinbruchs soll sich ab dem Jahr 2027 der arbre aux hérons, der Reiherbaum der Machînes de l’Île, erheben.

Oberhalb dieser Baufläche hebt sich der Lunar Tree von Mrzyk & Moriceau zwölf Meter hoch und strahlend weiß vom Schwarz der Steilklippe und dem Blau des Himmels ab.

Die natürliche Struktur des nackten Baumes steht im krassen Kontrast zum nahen massiven Block in Blau. Er gehört zum CAP 44.

Publikumsliebling der Dauersammlung: die Rutsche am Schloss. Foto: Hilke Maunder
Der Lunar Tree auf einer Klippe des Misery-Granitbruchs. Foto: Hilke Maunder

Die künftige Cité des imaginaires

Diese ehemalige Getreidemühle, 1895 von Les Grands Moulins de Loire erbaut, wird ebenfalls saniert. Warum denn das, werden manche fragen.

Schön ist der Bau nicht. Doch: Dieser Klotz gehört zu den ersten Gebäuden der Welt, die mit Stahlbeton gebaut wurden. 1895 wurde er erbaut. Sein Architekt: François Hennebique.

Die blaue Verkleidung, erst in den 1970er-Jahren vor den historischen Bau gehängt, soll verschwinden. Im Ostteil des Gebäudes werden mehrere Stockwerke abgerissen, um die Baumasse zu reduzieren und den Blick freizugeben.

Auch das Erdgeschoss wird transparenter werden und neue Ausblicke auf das Wasser eröffnen. Doch den besten Blick auf Nantes, die Loire und das Umland werdet ihr im Westteil haben. Dort soll die künftige  Cité des imaginaires eine Aussichtsplattform aufs Dach bekommen! 2028 soll alles fertig sein.

Der Belvédère von Sainte-Anne

Der Zugang zum neuen Belvédère der Butte Sainte-Anne. Foto: Hilke Maunder
Der Zugang zum Belvédère der Butte Sainte-Anne. Foto: Hilke Maunder

Wenig weiter folgt an der Promenade des 7 belvédères der nächste Aussichtspunkt: der Belvédère de l’Hermitage.

Als Vogelnest auf einem zehn Meter langen „Ast“, der über die Klippe ragt, entwarf ihn der japanische Künstler Tadashi Kawamata.

Der Blick vom Belvédère der Butte Sainte-Anne. Foto: Hilke Maunder
Der Blick vom Belvédère der Butte Sainte-Anne. Foto: Hilke Maunder

Sterneküche zum Loire-Blick

Holzplanken verdecken beim Zugang den Blick zum Nachbarn. Dieser kocht köstlich. Und dies bereits seit dem Jahr 1874. Ursprünglich hieß das Lokal L’Atlantide.

Im Jahr 2010 übernahm es Jean-Yves Guého, nannte es um in  L’Atlantide 1874 und verhalf ihm zu neuer Größe. 2014 gab es den ersten Michelin-Sterne. Bis heute hat Guého ihn behalten und verwöhnt euch zum Weitblick über Stadt und Loire mit einer raffinierten wie ehrlichen Gourmetküche.

Sternelokal: L’Atlantide 1874 von Jean-Yves Guého. Foto: Hilke Maunder
Sternelokal: L’Atlantide 1874 von Jean-Yves Guého. Foto: Hilke Maunder

Einfach berauschend!

Textur, Geschmack und Ästhetik verschmelzen bei ihm zu Orgasmen der Sinne. Bereits das Lesen der Speisekarte lässt die Freuden ahnen.

chair d’araignée en gelée de caviar de France à l’aneth, écume de carcasse et fenouil | sole rôtie aux épices cantonaises, caramel de gingembre, gnocchis et pak-choï | soufflé flambé au Grand Marnier.

Seespinnen-Fleisch in französischem Kaviargelee mit Dill, Karkassenschaum und Fenchel | Gebratene Seezunge mit kantonesischen Gewürzen, Ingwer-Karamell, Gnocchi und Pok Choi | Flambiertes Soufflé mit Grand Marnier)

Gleich neben dem Lokal mit Terrasse und Garten könntet ihr weiterträumen. Dort entführt euch das Musée Jules Verne in fantastische Welten.

Blick auf die Little Antique Brewery vom Loire-Anleger. Foto: Hilke Maunder
Blick auf die Little Atlantique Brewery vom Loire-Anleger. Foto: Hilke Maunder

Kultiges Craft-Bier

Fantastisch ist auch, was weiter westlich bei der cale Dubigeon aus dem Hahn fließt. Ein franko-australisches Duo hat dort die Little Atlantique Brewery (LAB) auf die Beine gestellt.

Hinter der kultigen Craft-Bier-Brauerei stehen der australische Investor Greg Smith, der in Frankreich bereits eine andere Brauerei neu gegründet hat, und sein französischer Partner Jérôme Polie.

Die Little Atlantic Brewery gehört zu den Ausstellungsorten der Voyage à Nantes. Foto: Hilke Maunder
Die Little Atlantique Brewery gehört zu den Ausstellungsorten von Le Voyage à Nantes. Foto: Hilke Maunder

Am Boulevard de Chantenay 23 verwandelten sie gemeinsam eine baufällige Öl- und Seifenfabrik aus dem Jahr 1850 in einen 1400 Quadratmeter großen Treffpunkt der Nantaiser. Im Dezember 2019 war Eröffnung.

Gebraut nach deutschem Reinheitsgebot

Im Erdgeschoss birgt die LAB seit Dezember 2019 eine Bar. An ihrem Tresen könnt ihr zuschauen und erleben, wie Jonas Trummer und Arthur Pasquer die Biere ganz handwerklich brauen.

Ihr Lehrmeister war Braumeister Simon Hicher (32) aus dem Elsass, der streng nach dem deutschen Reinheitsgebot die Biere herstellte.

Braumeister Simon hat als Vorbild die deutsche Biertradition – und braut Hefewizen ebenso wie Doppelbock. Foto: Hilke Maunder
Braumeister Simon hat als Vorbild die deutsche Biertradition – und zeigte seinen Nachfolgern, wie Biere perfekt gebraut werden. Foto: Hilke Maunder

Sechs Sorten umfasst bislang das Sortiment. Auf einer riesigen Wandtafel sind die Sorten gelistet. Hefeweizen und Doppelbock – das schmeckt den Nantaisern!

Geplant sind weitere, auch saisonale, Biere. Bereits dabei ist ein Oktoberfestbier, das nur im Herbst aus dem Hahn fließt.

Nantes-Chantenay: In der LIttle Atlantique Brewery wird der Gerstensaft vor Ort gebraut. Foto: Hilke Maunder
In der Little Atlantique Brewery wird der Gerstensaft vor Ort gebraut. Foto: Hilke Maunder

Schlemmen mit Aussicht

Neben der Küche und den Toiletten führt eine Beton-Treppe mit Blick auf den unsanierten Teil der friche hinauf zu weiteren Sitzplätzen im ersten Stock.

Dort könnt ihr auch speisen. Der zweite Stock ist für Empfänge reserviert. Ein Glasanbau vergrößert das Gebäude zum Fluss hin.

Le Voyage à Nantes. Lee Perry, Manager der Little Atlantique Brewery. Foto: Hilke Maunder
Der Südafrikaner Lee Perry (42) ist der Betriebsleiter der Little Atlantique Brewery. Foto: Hilke Maunder

Rund um den Bau sind Tische und Stühle nach draußen gestellt. Ein paar bunt bemalte Boote, zwischen blühendes Grün gestellt, bilden einen kleinen Parc aux Bateaux.

Rechts und links seht ihr Bauten, Schiffe und Maschinen der Werften Dubigeon und Esclain. Wahrzeichen ist ein grauer Titan-Kran, den Joseph Paris 1942 in seiner Werkstatt erbaute. Er steht  heute unter Denkmalschutz.

Der Hafenkran von Chantenay soll restauriert werden. Foto: Hilke Maunder
Der Hafenkran von Chantenay soll restauriert werden. Foto: Hilke Maunder

Angebunden an den Navisbus

Direkt an der Loire führt eine Stahlrampe hinunter zu einem neu dort verankerten Ponton. Seit 2020 hält dort der Navibus. Und bringt euch von der Haltestelle Bas-Chantenay zur Île de Nantes.

Von dort könntet ihr weiterschippern – hin nach Trentemoult oder zurück zur Gare Maritime in der Innenstadt von Nantes.

Westlich des Brauereigeländes liegen weitere Entwicklungsgebiete. Der einstige Standort der Usine Électrique  ist heute ein Gewerbe- und Industriegebiet für maritime Betriebe.

Eine alte Werft im Nantaiser Viertel Chantenay birgt heute die angesagte Craft-Bier-Brauerei Little Atlantic Brewery. Foto: Hilke Maunder
Eine alte Werft im Nantaiser Viertel Chantenay birgt heute die angesagte Craft-Bier-Brauerei Little Atlantique Brewery. Foto: Hilke Maunder

Seefahrt unter Wind

Seit Sommer 2019 findet ihr dort auch den Bootsbauer Black Pepper.Er baute jüngst für Armel Tripon ein Einrumpfboot. Mit ihm startete der französische Segler 2020 zur Vendée Globe. Die Einhandregatta rund um den Globus im Wind der Roaring Forties gilt als härtestes Bootsrennen der Welt.

Nachbar von Black Pepper ist das Unternehmen Airseas. Das Toulouser Start-up hat Segel entwickelt, die Schiffe über die Meere ziehen.

Die japanische K-Linie lässt bereits ihre Frachter mit solchen energiesparenden, automatisierten Segeln über die Ozeane schleppen. 2021 transportierten SeaWing-Segel Teile der A320 über den Atlantik.

Chantenay: Chez ta mère: Hier triffft sich mittags und abends das quartier. Foto: Hilke Maunder
Chez ta mère: Hier trifft sich mittags und abends das quartier. Foto: Hilke Maunder

Aufbruch mit Strahlkraft

Die Aufbruchsstimmung am Ufer der Loire sorgt auch für Bewegung im restlichen Viertel. Neue Bars und Restaurants machen auf. Bestehende Läden hübschen sich auf, erfinden sich neu. Lasst euch treiben und entdeckt dieses Viertel im Umbruch!

Und lauft auch einmal die kleine Straße der cale Crucy hinab zum Fluss. Dort könnt ihr mit den Füßen im Wasser stehen und die Aussicht genießen – bis hin nach Trentemoult direkt gegenüber am Südufer.

Trentemoult, Anleger des Navibus. Foto: Hilke Maunder
Trentemoult, Anleger des Navibus. Foto: Hilke Maunder

Le Bas-Chantenay: meine Reiseinfos

Schlemmen und genießen

Chez Hugo

Hinter der knallroten Fassade verbirgt sich eine Weinbar samt Bistro, die nicht nur mit der nostalgisch-charmanten Einrichtung gefällt, sondern auch mit der Größe überrascht. Das Lokal reicht bis zur nächsten Straße Richtung Loire – und birgt im Herzen einen wunderschönen offenen Innenhof.

Die Küche ist tief in der Region und Tradition verwurzelt. Grundsolide französische Kost bietet dort Hugues, Die Weinkarte ist ebenso ehrlich. Keine Kleinode, die nur Insider kennen, sind dort verzeichnet. Sondern gute, eingeführte Namen. Halten wir es einfach gut, ist Hugues‘ Maxime.
• 33, Rue Bougainville, 44100 Nantes, Tel. 02 40 43 00 89, www.facebook.com, https://chez-hugo.business.site

A boire et à manger

Ein kleiner, heller Raum mit Steinwänden, gewachstem Betonboden und Möbeln aus hellem Holz: voilà die Speisestube, die besonders mittags Stammgäste des Stadtviertels anzieht. Kein Chichi gilt auch für die Karte, die lokal verwurzelt ist und saisonal wechselt.

Auch bei den Weinen liebt man hier die Weine von vor der Haustür: Weiße der AOC Muscadet. Besitzerin Karine betreibt mit ihrer Schwester Gwen noch ein zweites In-Lokal im Viertel: Les Frangines.
• 16, rue de la Marseillaise, 44100 Nantes, Tel. 02 40 58 05 10, www.facebook.com

Chez ta mère

Bei deiner Mutter, so der Name, könnt ihr nicht nur am Tour de Bretagne im Herzen von Nantes speisen, sondern auch in Chantenay. Auf der Karte steht gerne Deftiges von Ossobuco bis Poulet Basquaise, Huhn nach baskischer Art.
• 4, Rue des 2 Ponts, 44000 Nantes, Tel. 09 83 78 73 66, www.facebook.com

Les Usines

Eine Krake als Hingucker: das Bar-Restaurant Les Usines am Boulevard de Chantenay. Foto: Hilke Maunder

Eine riesige Krake umschlingt die Fassade der Bar des Usines. Wo sich mittags die Arbeiter und Angestellten der umliegenden Firmen treffen, könnt ihr auch immer wieder lokale Kunst entdecken. Auf der Karte steht ordentliche Hausmannskost.

Zum Bistro <em>Les Usines</em> gehört auch eine Galerie. Foto: Hilke Maunder
Zum Bistro Les Usines gehört auch eine Galerie. Foto: Hilke Maunder

Les Frangines 

Frangines heißt umgangssprachlich Schwestern, und mit diesem Namen wurde das französische Folk-Pop-Duo Anne Coste und Jacinthe Madelin bekannt. Und auch die bar à copains, die die beiden Schwestern Karine und Gwen Anfang 2019 in Chantenay eröffneten, bringt Seiten zum Klingen.

Mittags mit typischen Bistro-Gerichten wie hausgemachter Terrine, Gemüse-Velouté, Rugail-Wurst oder Bavette mit Pommes frites und zarter Schokomousse faite maison zum Dessert. Abends mit Tintenfisch-Tapas, knusprigen Accras, Camembertbissen, Quiches und Croques. Und schokogefüllten Churros für Naschkatzen.
• 4, Boulevard de l’Egalité, 44100 Nantes, Tel.  02 40 58 54 04, www.facebook.com

Little Atlantique Brewery

Kultige Craft-Bier-Brauerei mit Biergarten direkt am Navibus-Anleger Le Bas Chantenay.
• 23, Boulevard de Chantenay, 44100 Nantes, https://little-atlantique-brewery.fr

Ansehen

La Fabrique (Olympic Cinema)

La Mano Negra, Muse, Ben Harper, Sonic Youth, The Roots, M, Elliott Smith, Noir Désir oder Arcade Fire: Das sind nur einige der Künstler, die im 1927 erbauten Ex-Kino auf der Bühne standen. Seit den 1980er-Jahren ist das Olympic der Nantaiser Konzertsaal für aktuelle Musik.

War dies einst vor allem Rock, sorgt heute der  Verein Songo dort dafür, das alle Spielarten zeitgenössischer Musik und digitale Kunst dort präsentiert werden.
• 30, Boulevard de la Liberté, 44100 Nantes, www.lafabrique.nantes.fr

Das Olympic Cinema von Belleville-Chantenay. Foto: Hilke Maunder
Das Olympic Cinema von Belleville-Chantenay. Foto: Hilke Maunder

Informieren

Infos über die Bauvorschritte in Bas-Chantenay und weitere Projektvorhaben finden ihr hier: www.nantes-amenagement.fr

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