Hausboot-Special Charente: So gelingt euer Törn! 4


Bootserfahren: meine Freundin Claudia

Startklar für die nächste Schleuse. Ja, gleich da hinten, hinter dem Ende des Grüns…

Leinen los. Das Abenteuer beginnt. Zu dritt war ich eine Woche lang mit Tochter und einer bootserfahrenen Freundin in einer Ecke Frankreichs auf dem Hausboot unterwegs, der noch ein Geheimtipp ist: die Charente. Der 381 km lange Fluss durchfließt das gleichnamige Département der Region Nouvelle Aquitaine im Südwesten Frankreichs und mündet südlich von La Rochelle bei Rochefort in den Atlantik.

Höchsttempo: 8 km/h!

So gemächlich, wie ihr hier schippern dürft – maximal acht Kilometer schnell – verläuft hier auch das Leben. Die Orte am Fluss sind wie aus der Zeit gefallen mit ihren alten Steinhäusern, blühenden ummauerten Gärten, dem Krähen der Hähne, dem Singen der Vögel. Auf Äckern und Hainen, Wiesen und Weiden blüht es kunterbunt, und Ställe sind nur Winter- und Schlechtwetterquartiere.

Hausboot-Törn auf der Charente: MS Malvy auf dem Weg zur Schleuse

Ein Mini-Amazonien: die Charente

Esel und Kühe haben wir auf den Weiden gesehen; Graureiher und sogar Biber direkt am Fluss. Oft konnten wir die Landschaft hinter dem dichten Vorhang aus Bäumen und Blättern, Lianen, Blüten und Büschen, der den Fluss säumt, nur erahnen – so grün war das Ufer. Hier und da hatten Angler ihr Zelt aufgeschlagen – einige sogar mitten im Fluss: Luftmatratzen mit Biwak und einer Batterie voller Ruten.

Für alle, die nach der Live-Blogparade jetzt Lust haben, die Charente einmal selbst im Hausboot zu entdecken, habe ich hier die wichtigsten Infos und Tipps zusammengetragen. Denn das Beste ist: Ihr braucht keinen Sportbootführerschein für diesen Hausboot-Törn. Eine kurze Einweisung genügt – und los geht’s!

Saint-Simon: Flussschiffer-Rund

Der Rundweg auf den Spuren der Flussschiffer beginnt direkt am Anleger der Hausboote.

Hausboot-Revier Charente: das Fahrgebiet

Die Charente ist ein ideales Fahrgebiet für alle, die Natur und Geschichte, Entspannung und sanften Aktivurlaub verbinden möchten. In vielen Mäandern schlängelt sich der Fluss ruhig und gelassen durch bäuerliches, sanft gewelltes Land. An den Hängen der Hügel wächst Wein, der später zu Cognac zweimal gebrannt wird.

Direkt an der Küste ist der Boden zu feucht dafür. Dort seht ihr Pappelplantagen und mitunter Ackerbau. Reiher, Eisvögel, Enten, Schwäne und Falken sind hier oft zu sehen.

In den sehr sauberen, durch die Sedimente aber oft trüben Fluten leben Karpfen, Hecht, Brassen, Plötze, Döbel und Forellenbarsche. Auch Rotaugen könnt ihr hier angeln.

Hier und da säumen schattige Treidelpfade das Ufer – perfekte Strecken zum gefahrlosen Radfahren mit Kindern. Seit September 2017 könnt ihr dem Fluss auch auf der Radwanderroute FlowVélo folgen, die ich hier vorgestellt habe.

Hausboot-Urlaub auf der Charente: Schleusen gehört dazu

Schleusen: einer hält, zwei kurbeln.

Schleusen? Handarbeit!

Die Charente ist zwischen Angoulême und Rochefort auf 142 Kilometer Länge schiffbar. Dort findet ihr insgesamt 21 Schleusen. Sie liegen neben meist recht großen Wehren, die zusammen mit der Strömung eine starke Sogwirkung entfalten können.

Hier seid ihr eure eigenen Schleusenwärter. Der Vorteil: Ihr müsst  auf keine Schließzeiten achten. Dafür wird’s sportlich…. Denn jede Schleuse der Charente müsst ihr per Hand öffnen und schließen. Dabei helfen euch grüne Schwungräder, die mitunter etwas schwergängig sind, aber dennoch auch von uns drei Mädels gut zu meistern waren.

Im Hausboot auf der Charente: Alle Schleusen sind manuell zu bedienen.

Alle Schleusen sind manuell zu bedienen.

Steuern? Ganz einfach!

Ich hätte nie gedacht, dass es viel leichter ist, ein 14 m Boot zu steuern als einen kleinen, kurzen Kahn! Unser Hausboot lag ruhig im Wasser, hielt den Kurs und reagierte so, wie ich es vorgegeben hatte. Wellentanzen wie auf der Vilaine oder das Gefühl, die Strömung schiebt das Hausboot anders, als ich gesteuert hatte, gab es auf der Charente nie.

Gesteuert wird mit Lenkrad und Gashebel. Zusätzlich haben viele Hausbooten heute auch Bugstrahlruder, die das Anlegen erleichtern. Jedes Hausboot besitzt einen Innensteuerstand; meist ist er steuerbord (rechts) angeordnet, nur ganz selten mittig.

Charente im Hausboot: der Innensteuerstand

Der Innensteuerstand

Oben oder unten?

Häufig gibt es einen zweiten Steuerstand draußen, meist auf dem Oberdeck. Die Lehne oben ist oft umklappbar, da manche Brücken sehr niedrig sind. Um sie zu durchfahren, müsst ihr von innen steuern.

Der Steuerstand auf dem Oberdeck wurde – trotz der langen Beine, die ich nur schwierig unterbringen konnte, mein Lieblingsplatz. Von dort oben konnte ich auch mal über das Land gucken… und noch besser etwaige Gefahren oder bevorstehende Schleusen erkennen.

Charente im Hausboot: der Außensteuerstand

Der Außensteuerstand

Achtung, Sandbänke!

Typisch für die Charente, die in weiten Teilen ein Naturfluss ist, sind auch die Sandbänke. Sie sind in den Flusskarten eingezeichnet und im Fluss mit roten Bojen markiert. Haltet euch beim Navigieren an den in den Karten eingetragenen Kurs und steuert am Besten das Hausboot vom Oberdeck, wo ihr die Sandbänke besser sehen könnt.

Je weiter ihr landein fahrt, desto kürzer werden die Abstände zwischen den Schleusen. Richtung Meer könnt ihr nach Cognac sogar fast eine Stunde lang schippern, ohne einmal zu schleusen. Das ist Entschleunigung pur. Bei Windstille verwandelt sich die Charente in einen geradezu mystischen Spiegel, der die Landschaft doppelt – dann hatte ich fast das Gefühl, im Hausboot zu schweben…

Die Flusskarte

Zur Standardausrüstung jedes Hausbootes gehört eine Flusskarte zum Fahrtgebiet. Sie zeigt euch nicht nur den Verlauf der Fahrrinne im Fluss, sondern versorgt euch auch mit praktischen Informationen zu Schleusen, Liegeplätzen, Servicedienstleistungen wie Wasser, Strom und Entsorgung sowie touristischen Angeboten.

Tipp: Wartet nicht, bis ihr an Bord seid, sondern bestellt die Flusskarte vorab mit euren übrigen Reiseunterlagen. Dann könnt ihr euren Hausboot-Törn ganz entspannt daheim planen.

Charente im Hausboot: die Flusskarte

Flusskarten wie diese findet ihr immer an Bord

Hausboot-Törn: perfekt vorbereitet!

Richtig packen

Je nach Kategorie der Hausboote gibt es weniger oder mehr Platz. Doch generell gilt: An Bord gibt es nur begrenzt Stauraum. Er versteckt sich unter den Sitzpolstern, in Regalflächen an der Bordwand und unter den Betten. Nehmt zum Packen statt Hartschalenkoffer lieber flexible Taschen, die sich zusammenfalten und besser verstauen lassen. Bettwäsche und Handtücher könnt ihr euch bei dem Hausboot-Verleih ausleihen.

Hausboot-Törn: Bettzeug lässt sich ausleihen!

Spart Gepäck und kostet nicht viel: Bettzeug und Handtücher könnt ihr ausleihen!

Lagen-Look für jedes Wetter

Denkt beim Packen daran, dass ihr nahe der Atlantikküste seid. Da kann das Wetter schnell einmal umschlagen – auch im Sommer. Packt Fleecejacke, aber auch Sommerkleid oder Shorts ein, und kombiniert die Wäsche für kühle und warme Tage im Lagenlook. An Deck solltet ihr während der Fahrt nicht barfuß oder in Schlappen laufen, sondern feste Schuhe tragen – Trekking- oder Wassersandalen oder Bootsschuhe.

Hausboot-Törn Charente: Infos am Anleger

Alle offiziellen Anleger für Hausboote informieren als „halte nautique“ über Sehenswertes und Serviceeinrichtungen.

Vorräte auffüllen

Habt ihr das Hausboot erhalten, legt noch nicht gleich ab. Sondern füllt erst einmal die Vorräte auf, denn unterwegs gibt es Versorgungslücken… In den größeren Orten wie Angoulême, Châteauneuf-sur-Charente, Cognac und Saintes ist das Einkaufen kein Problem; dort gibt es neben den bekannten französischen Supermarktketten und Fach- bzw. Spezialgeschäften auch kleine, lokale Produzenten.

Der einzige Supermarkt zwischen Cognac und Châteauneuf-sur-Carente versteckt sich im winzigen Örtchen Gondeville.

Der einzige Supermarkt zwischen Cognac und Châteauneuf-sur-Charente versteckt sich im winzigen Örtchen Gondeville.

Die „grandes surfaces“ wie Carrefour, Casino und Intermarché haben indes dafür gesorgt, das die Infrastruktur in den kleinen Orten zerstört wurde. So gibt es in Saint-Simon nicht einmal mehr einen Bäcker. In Sireuil liefert am Anleger morgens ein Automat das frische Baguette, Croissant und Pain au Chocolat. Beliefert wird es von einem Bäcker, der frühmorgens die große Runde macht und die aufgestellten Automaten versorgt…

Hausboot-Törn: Wein oder Wasser?

An Bord gilt, solange gesteuert wird: kein Alkohol!

Hausboot-Törn: Perfekt unterwegs

Bei der Einweisung, die zur Übergabe des Hausbootes immer erfolgt, haben Audrey Motta von Inter-Croisières in Sireuil und ihr Mitarbeiter Ludo beide unabhängig immer wieder diese beiden Punkte betont.

Nüchtern bleiben!

Wie an Land, so gilt auch an Bord die Promillegrenze von 0,5. Wer beschwipst sein Hausboot steuert, riskiert empfindliche Strafen bis hin zum Verlust des Führerscheins. Die Polizei kontrolliert. Auch, wenn überall entlang der Route große und kleine Produzenten mit Verkostungen von Pineau und Cognac locken.. verzichtet!

Denn selbst beim Kosten und Ausspucken („cracher“) dringt so viel Alkohol durch Osmose ins Blut, dass ihr über das Limit kommt. Genießt lieber die Tropfen beim Apéro, wenn euer Boot fest vertäut liegt für die Nacht.

Nur im Hellen fahren!

Ohne Radar darf die Charente nur von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang befahren werden.

Festmachen

Entlang der Charente findet ihr in allen großen und kleinen Flussschifferorten Liegeplätze für Hausboote. Mal gibt es Poller an der Kaimauer, mal macht ihr an Pontons fest. In Orten mit großem Andrang wie Cognac sind mehrere Bereiche als Hausboot-Anleger markiert. Dort gibt es auch einen langen Kai mit Treppe. Oben jedoch fehlen Poller… da müsst ihr mit einem Hammer die Bolzen in die Erde schlagen, die ihr vom Hausboot-Vermieter vor eurer Abreise erhalten habt.

Zwischen Sireuil bis Cognac sind sämtliche Anleger kostenfrei. Ab Cognac muss für einige Liegeplätze ein Obolus für Strom, Wasser, den Liegeplatz und die mitunter vorhandenen Duschen entrichtet werden. Die Gebühr richtet sich nach der Größe eures Hausbootes und der Ausstattung des Liegeplatzes.

Cognac ist beliebt bei Hausbootfahrern - wir legen im Päckchen an.

Cognac ist beliebt bei Hausbootfahrern – wir legen als „Päckchen“ an.

In Cognac herrschte so viel Betrieb, das wir erst einmal als „Päckchen“ festgemacht haben, ehe wir einen Liegeplatz allein für uns hatten. Ich hatte zunächst etwas Hemmungen, unser Schiff einfach beim Nachbarn zu vertäuen, aber meine bootserfahrene Freundin sagte, es sei völlig okay und normal. So lagen wir als Trio am Ponton – und kletterten über die beiden anderen Boote an Land…

Auch in der freien Natur könnt ihr überall entlang der Charente anlegen. Festmachen müsst ihr mit Haken. Die Leinen einfach um die Bäume zu legen, ist verboten. Auch das Ankern im Fluss ist untersagt. Dass Privatanleger tabu sind, sollte selbstverständlich sein…

Was solltet ihr nicht verpassen?

Nehmt Fahrräder mit an Bord – so könnt ihr die Highlights der Charente ganz nachhaltig entdecken. Wenn ihr von Angoulême flussabwärts schippert, solltet ihr dies nicht verpassen.

Angoulême

Die Altstadt mit der Cathédrale Saint-Pierre und den Markthallen liegt hoch über der Charente auf einem Plateau mit toller Aussicht. Immer wieder werdet ihr dort Fassaden sehen, die mit Comicszenen und -figuren verziert: Angoulême ist alljährlich Ende Januar Gastgeber eines internationalen Comic-Festivals. Das ganze Jahr hindurch lebt die Comic-Kultur in der Cité internationale de la bande dessinée et de l’image bei Ausstellungen und Events auf.

Trois-Palis

Erlebt hier hautnah, wie Letuffe seine köstlichen Schoko-Kreationen herstellt. Ihr könnt dort auch ein einem Pralinen-Workshop teilnehmen!

Saint-Simon

Früher verkehrten auf der Charente die „Gabare“. Entdeckt die traditionsreichen Lastkähne bei einem Besuch der Maison des Gabarriers, einem markierten Stadtrundweg und bei einem Törn auf der originalgetreuen Replik „La Renaissance“. Hier gibt es alle Infos.

Jarnac

In Jarnac wurde der ehemalige Staatspräsident François Mitterand geboren. Seine Maison Natale ist heute ein Museum. Direkt am Kai präsentiert eine Außenstelle die Staatsgeschenke, die Mitterand erhalten hatte. Für mehr Infos klickt hier.

Cognac

Cognac: Hennessy-Fähre

Cognac: Zwischen Keller und Probierstube pendelt bei Hennessy eine Fähre über den Fluss

In Cognac wird seit rund 300 Jahren der berühmteste französische Weinbrand aus Ugni Blanc hergestellt. Wie, verraten Kellerbesuche mit Degustationen bei Hennessy, Martell, Camus, Baron Ortard oder Rémy Martin. Auf Schloss Cognac wurde einst Franz I. geboren. Alle Infos zum Hausboot-Stopp in Cognac gibt es hier.

Nicht geschafft haben wir in unserer Woche diese Ziele weiter flussabwärts:

Die königliche Wassermühle von Chaniers wurde unter Colbert errichtet – und ist bis heute ein beeindruckender Komplex am Fluss.

Das Archäologische Museum in Saintes besitzt eine der reichsten Sammlungen außerhalb Frankreichs. Besonders beeindruckend sind die ausgestellten Skulpturen aus der Antike.

Zu den ältesten Schlössern der Charente-Maritime gehört das Château de Crazannes. Schlossherr Jules Gouffier, comte de Caravaz, inspirierte einst Charles Perrault zum Märchen vom gestiefelten Kater.

Saint-Savinien feiert alljährlich Anfang August mit der Foire aux Vins zwei Tage lang eines der beliebtesten und größten Weinfeste von Charente-Maritime.

Ludwig XIV. betraute seinen Marineminister Colbert mit dem Bau des “schönsten und grössten Kriegshafens Frankreichs”. Heraus kam Rochefort. Heute könnt ihr im Musée de la Marine im Hôtel de Cheusses tiefer in den Seefahrtsgeschichte der Stadt eintauchen.

Rochefort an der Charente

Im Zentrum von Rochefort: Église Saint-Louis in der Rue Audry de Puyravault.

Offenlegung

Für den Hausboot-Törn auf der Charente stellte mir Nicols Hausboote das Hausboot MS Malvy der Kategorie Sixto Estivales kostenfrei zur Verfügung. Sämtliche Bootstypen im Programm von Nicols findet ihr hier.

Dem Unternehmen und dem Team des Partner-Unternehmens Inter-Croisières in Sireuil sagte ich dafür „merci“ und ganz dicken Dank. Einfluss auf meine Blogberichte hat dies nicht. Ich berichte subjektiv, wie ich es erlebt habe, mache kein Merchandising und werde erst recht nicht für meine Posts bezahlt.

Erlebt unseren Törn auf Youtube!

Ich war von unserem Törn so begeistert, dass ich in iPhoto aus meinen Fotos ein kurzes Video zusammengeschnitten habe und auf Youtube gestellt habe. Ich übe noch… bitte nicht zu kritisch sein. Hier ist das Leben wirklich ein ruhiger Fluss, dachte ich mehrmals, als ich auf der Charente im Hausboot unterwegs war. Und diesen Flow, diese Entschleunigung, wollte ich auch in meinem Video einfangen. Viel Spaß beim virtuellen Törn!


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