Lussan. Foto: Hilke Maunder

Lussan: Bilderbuchdorf der Kamisarden

Lussan gehört zu den schönsten befestigten Felsendörfern des Gard. Seit dem 16. Jahrhundert überragt ein Schloss seine alten Häuser, die sich auf einer 270 Meter hohen Felskuppe über dem Aiguillon drängen.

Weithin sichtbar dominiert das Wehrdorf 20 Kilometer nördlich von Uzès die Ebene, die dort dem Massif Central weicht. Zwischen Lavendelfeldern und Obsthainen hat die Garrigue mit immergrünen Eichen, Buchsbäumen und Wacholder nach dem Ende der Holzkohle-Herstellung und der Weidewirtschaft ab 1900 das Land erobert.

Hellblau wie der Himmel: die Fensterläden in Lussan. Foto: Hilke Maundder
Hellblau wie der Himmel: die Fensterläden in Lussan. Foto: Hilke Maundder

Wuchtig ist die Wehrmauer – und vollständig erhalten. Entlang der remparts könnt ihr einmal die gesamte kleine ville close umrunden. Das Panorama ist traumhaft: zu euren Füßen Lavendelfelder und Garrigue, Gehöfte und Gärten, in der Ferne die Cevennen, die Monts d’Ardèche und der Mont Ventoux.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Das Schloss der Familie Gide

Und mittendrin liegt mit dem Château de Fan auch ein Schloss aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, das im Jahr 1795  der Historienmaler Théophile Gide kaufte, der Urgroßonkel des Dichters André Gide.

Bis 1920 blieb das Anwesen aus dem 16. Jahrhundert der Sommersitz der Familie, die es aus Geldmangel schließlich an die Kommune verkaufte.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Im Osten der Stadtmauer erhebt sich das im 15. Jahrhunderts errichtete Schloss von Lussan, das heute als Rathaus dient. Dahinter beginnt ein charmantes, kreisrundes Labyrinth malerischer Gassen. Die engen Kopfsteinstraßen erzählen von den Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Widerstand gegen die taille 

Was Lussan (lat.: Haus des Lucius) erlebte, ist typisch für viele Dörfer im Osten des Languedoc. Folter, Mord und Vergewaltigung der Frauen durch Frankreichs königliche Truppen.

Die taille, die jeder Franzose bis zur Französischen Revolution an den König zahlen musste, quetschte den letzten sou aus der Bevölkerung heraus. Brot-Proteste und Bauernaufstände zeigten, wie sehr das Volk unter dem Luxus der Krone litt.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Der neue Glaube

Um 1525 erreichte der Calvinismus die Cevennen und breitete sich dort rasch aus. War der Widerstand gegen die Krone zunächst aus Armut geboren, erhielt er nun eine politische wie religiöse Dimension. Er richtete sich nun gegen die staatstragende katholische Kirche. Und damit direkt gegen den Staat.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Mit dem Edikt von Nantes, das ab 1598 freie Glaubensausübung zusicherte, ruhten für kurze Zeit die Glaubenskonflikte.  Doch unter Ludwig XIII. nahm der religiöse Druck wieder zu. Sie verstärkten sich, als Ludwig XIV. im Jahr 1685 das Edikt aufhob. Der Katholizismus war erneut einziger Staatsglaube.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Glauben im Untergrund

Andersgläubige wurden verfolgt, ihre Gotteshäuser zerstört. In jenen Jahren ging der Protestantismus in den Untergrund und überlebte in den wilden Bergen der Cevennen und ihren Schluchten. Le désert nannten die Hugenotten diese Wildnis. Dort versteckten sie sich, trafen sich in Höhlen und Grotten und hielten ihre evangelischen Gottesdienste im Gestrüpp der Garrigue ab.

Ludwig XV. bekämpfte die Hugenotten mit den Dragonaden, erzwungenen Bekehrungen. Er ließ Dragoner-Regimenter in die aufständischen Dörfer verlegen und quartierte die Soldaten bei den Bauern und Handwerkern ein, die sie mit Essen und anderen Diensten versorgen mussten.

Frauen und Mädchen wurden sexuelle Beute, Haus und Mobiliar demoliert, Handwerk oder Hof so lange zerstört, bis der Betroffene seinem Glauben abschwor und wieder zum Katholizismus zurückkehrte.

Den Hugenotten war es lange nicht gestattet, ihre Toten auf den offiziellen (=katholischen) Friedhöfen zu bestatten. So fanden sie ihre letzte Ruhestätte im eigenen Garten, wo die Angehörigen eine Zypresse auf das Grab pflanzten. Foto: Hilke Maunder
Den Hugenotten war es lange nicht gestattet, ihre Toten auf den offiziellen (=katholischen) Friedhöfen zu bestatten. So fanden sie ihre letzte Ruhestätte im eigenen Garten, wo die Angehörigen eine Zypresse auf das Grab pflanzten. Foto: Hilke Maunder

Die Kamisarden der Cevennen

Der Widerstand gegen die Dragonaden mündete im frühen 18. Jahrhundert im Kamisardenkrieg. Camisards nannten sich die Hugenotten in den Cevennen nach ihren Hemden, den chemises.

Unter den Kämpfern mit dabei waren auch viele Frauen, die mit Sensen und Mistgabeln sich den königlichen Truppen entgegenstellten.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Im Oktober 1703 fand zu Füßen von Lussan eine Schlacht zwischen den Kamisarden, angeführt von Jean Cavalier, und den königlichen Truppen des Marquis de Vergetot statt. Die Aufständischen wurden geschlagen. Gefängnis, Galeere oder Exil hieß das Schicksal für viele Einheimische aus Lussan.

Das Erbe der Protestanten

Die Erinnerung an jene Zeit ist bis heute tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Besonders bei der Familie Chastanier, die neben dem protestantischen temple ihr Haus hat. Seit 1500 lebt die Familie in diesem Haus, seit 1530 ist sie protestantisch und hält im alten Bücherschrank mehrere alte Calvin-Bibeln in Ehren.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Und auch die Familie Gide, die drei Jahrhunderte lang in der Geschichte von Lussan ihre Spuren hinterlassen hat, war vom Wollhandel in die Politik eingetreten und hatte engagiert die neue Religion des Protestantismus verteidigt. Und dies so sehr, dass Théophile Gide sich vor der Guillotine in den Wäldern und Höhlen der Concluses versteckten musste.

Die Goldbäume der Cevennen

Nach der Französischen Revolution kehrte in Lussan Frieden zwischen den beiden christlichen Religionen ein, und jede erhielt ein eigenes neues Gotteshaus. Für Wohlstand und Auskommen sorgte nun die Seidenproduktion. Zu ihrer Blüte lebten mehr als 1600 Menschen in Lussan.

Roi René holte Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht nach Frankreich. Foto: Hilke Maunder
Seidenraupen lieben Maulbeerbaumblätter! Foto: Hilke Maunder

Maulbeerbäume wurden gepflanzt. Die Höfe wandelten sich zu Seidenraupenfarmen. Drei Spinnereien arbeiten im Dorf. Doch die Öffnung des Handels während des Zweiten Kaiserreiches und die Erfindung der Kunstseide bricht diesem Handwerk das Genick. Lussan leidet unter massiver Abwanderung.

Renaissance als Bilderbuchdorf

Häuser und Ländereien verfallen. Lussan wird „malerisch“. Der Tourismus entdeckt es. Als eines der schönsten Dörfer Frankreichs beginnt seine Renaissance. Heute leben wieder 500 Menschen in Lussan, bunt gemischt in Glaube und Herkunft.

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Lussan: meine Reisetipps

Schlemmen

Bistrot de Lussan

Von Ostern bis Oktober serviert das Bistrot de Lussan auf seiner von Mauern umgebenen Terrasse sowie im Speisesaal drinnen regionale Spezialitäten.
•  place Jules Ferry, 30580 Lussan, Tel. 04 66 72 85 01, www.lebistrotdelussan.fr

Auberge Gardoise

In einer alten Postkutschenstation aus dem 17. Jahrhundert verwöhnt euch Chefkoch Cédric Douchin mit regionaler Küche im schicken Speisesaal oder auf der großen Terrasse.
• La Coulorgue, 30580 Vallérargues, Tel. 04 66 72 72 72, www.auberge-gardoise.com

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

In der Nähe

Concluses de Lussan

In der Schlucht des Aiguillon rücken die Felswände bis auf wenige Meter zusammen. Im Sommer ist das Flusstal nahezu ausgetrocknet – perfekt zum Wandern!

Lussan. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Hier könnt ihr schlafen*

 

Weiterlesen

Im Blog

Das Genuss-Reich der Cevennen habe ich hier vorgestellt.

Mehr über die Brotbäume und Goldbäume der Cevennen erfahrt ihr hier.

Ein schöner Ausflug führt von Lussan aus nach Uzès. Hier gibt es Infos und Impressionen.

Im Buch

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt. Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte.

Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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14 Kommentare

  1. Wir waren dies Jahr da! Eine wunderschöne Erinnerung an vier Wochen im Gard.

    500 Jahre Glaubenskriege in Europa, es gruselt einen, dass das mit unserer Mithilfe im Orient so weitergeht. Danke für die interessante Information.

    By the way, wir beobachteten an die 50 Kirchgänger beim hyggeligen Tete à tete auf den Stufen der Lussaner Kirche, Mitte September des Coronajahrs. Sie sind doch sehr widerständig, die Lussaner!

  2. Hallo Frau Maunder,
    Lussan ist ein schöner Ort.
    Noch schöner sind allerdings „Les Ceramiques de Lussan“,
    die Pintaden zum Beispiel sind nicht nur ein Dekotraum.
    Die gehören zwingend zu Lussan – und in Ihren Artikel.

    Frohe Weihnachten

  3. Das ist wirklich ein sehr interessanter Bericht über die Geschichte dieser Gegend! Man ist ja immer schon mal durchgefahren und kann nur ahnen, wie viel
    Geschichte in den Cevennen steckt. Wir nehmen Frankreich heute als Einheit wahr,
    die aber eigentlich noch nicht sehr alt ist. Danke schön für so viel Recherche! Ihnen einen schönen Sonntag, Frau Maunder. Lg Katharina Kehmer

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