Beim frühen Plattenbau in Frankreich sind die vorgefertigten Betonelemente noch kleiner als beim Prodédé Camus, zeigt die Architektur von Auguste Perret in Le Havre. Foto: Hilke Maunder

Plattenbau in Frankreich

Plattenbau: Das war nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich die Antwort auf den immensen Wohnungsmangel nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Traditionell mit Ziegel und Stein, Holz und Eisen zu bauen, war zu langwierig und teuer. Die Antwort der Regierung lautete: Industrialisierung des Bauens. Der Ruf nach schnellem, kostengünstigem Wohnraum bescherte dem Plattenbau den Durchbruch. Voilà eine architektonische Zeitreise auf den Spuren der „Platte“.

1950er-Jahre: die Anfänge

Erste Experimente mit vorgefertigten Bauelementen aus Gusseisen und Beton gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich, und dort besonders beim Industrie- und Gewerbebau. Im frühen 20. Jahrhundert errichteten Architekten wie Auguste Perret und Le Corbusier erste einzelne Wohnhäuser und Siedlungen mit vorgefertigten Betonplatten. Doch die Vorfertigungstechniken waren damals noch relativ teuer und unentwickelt. Plattenbauten waren damals im Vergleich zu konventionellen Bauweisen noch nicht wettbewerbsfähig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah sich Frankreich mit einem enormen Bedarf an Wohnraum konfrontiert. Schätzungen gehen davon aus, dass im Landesdurchschnitt etwa 15 Prozent des Wohnraums zerstört wurden. In stark umkämpften Städten wie Caen, Royan oder Le Havre lag die Zerstörungsrate sogar deutlich höher – und bis zu 80 Prozent. Besonders betroffen waren die Städte im Norden und Osten Frankreichs, die Schauplatz der heftigsten Kämpfe waren. In ländlichen Gebieten war die Zerstörung hingegen deutlich geringer.

Weltkriegstrümmer & Dekolonialisierung

Enormen Druck auf den Wohnungsmarkt übten auch die Rückkehrer und Flüchtlinge aus Frankreichs ehemaligen Kolonien aus. Zwischen 1946 und 1962 verlor Frankreich im Zuge der Dekolonisierung ein riesiges Kolonialreich mit mehr als 60 Millionen Einwohnern – und damit mehr Menschen, als damals in Kontinentalfrankreich lebten. Die meisten dieser Gebiete erlangten ihre Unabhängigkeit nach teils blutigen Unabhängigkeitskriegen. Millionen von Menschen kehrten aus den ehemaligen Kolonien nach Frankreich zurück, insbesondere pieds noirs, französische Siedler aus Algerien.

Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 1954 und 1962 etwa 1,5 Millionen Menschen nach Frankreich kamen. Die meisten Rückkehrer und Flüchtlinge siedelten sich in den Großstädten an, insbesondere in Marseille, Lyon und Paris. Der Zustrom übte enormen Druck auf den bereits angespannten Wohnungsmarkt in Frankreich aus.

Die Antwort auf diesen Bedarf hieß Industrialisierung des Bauens dank Plattenbau. 1950 wurde die Organisation Le Groupe des Bâtiments Industriels (GBI) gegründet, um die industrielle Bauweise zu fördern. Ein Jahr später, 1951, entstand eine der ersten Großsiedlungen Frankreichs mit Betonfertigteilen nach dem Procédé Camus – dazu später ausführlich.

Die Cité Balzac in Clamart markiert bis heute einen Meilenstein der Architektur im Plattenbau. Und ihre Folgen. Im Oktober übergoss Jamal D. (19) daheim in seiner Cité Balzac die 17-jährige Solane mit einer brennbaren Flüssigkeit – und hielt sein Feuerzeug daran. Solane verstarb. Den Täter brandmarken seine Verletzungen.

Die Trente Glorieuses

In den Trente Glorieuses, den dreißig glorreichen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg von 1950 bis 1975, förderte der Staat massiv den Wohnungsbau, subventionierte Darlehen, lockerte bürokratische Auflagen und führte 1955 die ZUP (Zones Urbaines Prioritaires) ein. Diese Stadtentwicklungsgebiete mit Vorrang fokussierten auf industrielles Bauen.

Zahlreiche Grands Ensembles, große Wohnsiedlungen, entstanden an den Peripherien der Städte, um den Wohnungsmangel der Nachkriegszeit zu beheben. 1960 und 1962 kam es zur sogenannten „Welle der Unabhängigkeit“, in der 17 afrikanische Kolonien ihre Souveränität erlangten.

Die Rückkehrer aus den Kolonien verstärkten die Krise auf dem Wohnungsmarkt. Frankreichs Plattenbau boomte. Bis Ende der 1960er-Jahre entstanden etwa sechs Millionen neue Wohnungen im Plattenbau. Die Cité des Fustelliers in Noisy-le-Grand, erbaut 1961, ist ein Beispiel einer solchen Großsiedlung.

Ein bedeutender Architekt dieser Epoche war Marcel Lods, der in Zusammenarbeit mit Eugène Beaudouin und Eugène Freyssinet zahlreiche innovative Entwürfe realisierte. Lods, der auch hinter dem Wiederaufbau von Mainz steht, das nach Kriegsende zu 80 Prozent zerstört war, schwor auf das Bauen mit vorgefertigten Bauelementen und experimentierte frühzeitig mit Stahlskelett- und Eisenbetonkonstruktionen. Er entwarf unter anderem die Wohnsiedlung Champ des Oiseaux in Bagneux (1930) und die Cité de la Muette in Drancy (1932-1934).

Jean Prouvé, ein Pionier des Stahlbaus, spielte ebenfalls eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Plattenbaus in Frankreich. Er gründete 1957 die Compagnie Industrielle de Construction et de Préfabrication (CICP) und spezialisierte sich auf Stahlbauten. Prouvé realisierte zahlreiche innovative Plattenbauten und trug maßgeblich zur Verbreitung dieser Bauweise bei.

Der Procédé Camus

Doch das Bauen am Fließband wäre in Frankreich nicht möglich gewesen ohne Raymond Camus (1889-1978). Der Algerier war ein französischer Bauingenieur. Mit dem Procédé Camus entwickelte er eine Plattenbauweise, die den Bau von Großsiedlungen revolutionierte. Das von ihm entwickelte System Camus basierte auf großformatigen Betonplatten, die in Fabriken maßgenau vorgefertigt wurden – üblich waren bis dato nur kleinere Betonteile gewesen.

Die Fabrikfertigung ermöglichte eine hohe Maßgenauigkeit und Oberflächenqualität der Betonplatten, wodurch Nachbearbeitungen auf der Baustelle minimiert wurden. Die Vorfertigung und standardisierte Montage der Elemente verkürzte die Bauzeit deutlich, die industrielle Serienfertigung senkte die Baukosten. Da die Sanitäranlagen und Elektrik bereits im Werk in die Betonplatten eingebaut wurden, war auch die Montage auf der Baustelle einfacher.

Zwischen 1956 und 1960 errichtete die von Raymond Camus und René Drouin gegründete Société d’Études et de Réalisation de Procédés Économiques de Construction (SERPEC) insgesamt 110 Wohnblocks im Pariser Raum nach diesem Verfahren.

Doch das schnelle industrielle Bauen hatte auch Schattenseiten: optische Monotonie und keine Flexibilität. Kaum errichtet, kam es in ersten Großsiedlungen, die mit dem System Camus errichtet wurden, zu sozialen Problemen und Stigmatisierung.

1970er-Jahre: Plattenbau in der Krise

In den 1970er-Jahren ging der Plattenbau aufgrund der Energiekrise deutlich zurück. Der Ölpreis vervierfachte sich und ließ die Energiekosten explodieren. Da der Plattenbau jedoch in hohem Maße von Energie abhängig war, sowohl für die Produktion der Betonplatten als auch für den Transport der Materialien, machten die steigenden Energiekosten diese Bauweise zunehmend unattraktiv. Typisch für diese Zeit sind die Wohnviertel der ZUP Bobigny (1965-1975) und die markante Wohnanlage Les Olympiades in Paris (1972).

1980er-Jahre: Modernisierung

In den 1980er-Jahren wurden viele der in den vorhergehenden Jahrzehnten erbauten Großsiedlungen renoviert und aufgewertet. Ziel war es, die Wohnqualität zu verbessern, die soziale Integration zu fördern und das Image der Plattenbauten, als Banlieue verrufen, zu verbessern. Der Fokus lag dabei auf der Modernisierung der Bauten, einschließlich neuer Fassaden, begrünter Dächer und verbesserter Infrastruktur.

Ein prominentes Beispiel ist die Wohnmaschine Cèdre bleu in der Satellitenstadt Haut-du-Lièvre von Nancy, die ursprünglich 400 Meter lang war und fünfzehn Stockwerke mit 917 Wohnungen umfasste. Aufgrund von Leerständen wurde das Gebäude in den 1980er-Jahren komplett saniert und auf 250 Meter gekürzt.

1990-er Jahre: Neubau – und Abriss

In den 1990er Jahren gewannen nachhaltiges Bauen und neue Wohnformen an Bedeutung. Der Plattenbau erlebte eine Renaissance, diesmal in Form moderner, energieeffizienter Gebäude.

In den letzten Jahrzehnten kam es in Frankreich vermehrt zum gezielten Abriss von Grands Ensembles, die oftmals längst nicht mehr die beispielhaften Vorbilder von einst waren, sondern soziale Brennpunkte. Hohe Kriminalitätsraten, Arbeitslosigkeit und Drogenhandel prägen vielerorts die Grands Ensembles.

Das schlechte Image der Großsiedlungen stigmatisierte ihre Bewohner und verbaute ihnen Zukunftschancen. Der schlechte Zustand der Gebäude verstärkte diese sozialen Probleme. Viele der Grands Ensembles entsprachen nicht mehr den modernen Wohnstandards und waren stark sanierungsbedürftig.

Die Lösung hieß nicht selten: Abriss der Grands Ensembles. Schon 1983 fallen die ersten Häuser der Abrissbirne zum Oper. Das Ende von Les Minguettes (Lyon) markiert den Beginn einer neuen Ära im Umgang mit französischen Großsiedlungen („Grands Ensembles“). Die Siedlung war von sozialen Problemen und Kriminalität geprägt und galt als Symbol für das Scheitern des Plattenbaus.

1964 war in La Courneuve (Seine-Saint-Denis) bei Paris die Cité des 4000 als Vorzeigeprojekt des sozialen Wohnungsbau errichtet worden. Ihre vier riesigen Riegel mit Drei- und Vierzimmerwohnunge entstanden damals als neue Heimat für 4000 Rückkehrer aus Nordafrika. Als die wachsende Armut die Sieldung in ein soziales Ghetto verwandelte, ließ die Stadt Anfang der 1980er-Jahre die Cité des 4000 erst renovieren – und dann abreißen.

Das Ensemble Debussy mit 300 Wohnungen wurde 1986 als erstes gesprengt, der Riegel Renoir mit seinen 362 Wohnungen im Juni 2000 abgerissen, die Riegel Ravel und Pressov am 23. Juni 2004 gesprengt. Sie waren 15 Stockwerke hoch und lang. Die Sprengung, die in nur 22 Sekunden erfolgte, gilt als die größte derartige Operation, die in Frankreich durchgeführt wurde

Der Abriss des Ensemble Debussy in La Courneuve markierte 1986 den ersten Abriss eines Grand Ensemble vom Typ barre in Frankreich. Diese Barren- oder Riegelbauten, die in Frankreich in den 1950er- und 1960er-Jahren besonders verbreitet waren, gelten als besonders monoton und eintönig mit ihrer langen, schmalen wie rechteckgen Form, ihren sich ständig gleich wiederholenden Fenster und Balkone, ihren kleinen, unflexibel geschnittenen Wohnungen an endlos langen zentralen Fluren und der oftmals fehlenden sozialer Infrastruktur mit Geschäften, Schulen oder Grünflächen.

Der Abriss von Grands Ensembles ist jedoch nicht unumstritten. Kritiker bemängeln, dass der Abriss zum Verlust von bezahlbarem Wohnraum führte, was die Wohnsituation für viele Menschen verschlechterte. Zudem wurden die Bewohner der abgerissenen Gebäude entwurzelt, mussten umziehen und verloren dabei oft ihre sozialen Netzwerke. Das zeigte sich 2011 in La Courneuve bei der Barre Balzac, den viele Bewohner nicht verlassen wollten. Erst nach einem monatelangen Rechtsstreit und massiven Protesten wurde der Riegel gesprengt.

Auch die Zerstörung von architektonischem Erbe wird kritisiert. Einige Grands Ensembles gelten heute als Architektur-Ikonen: die Cité radieuse (Marseille, 1952) und die Unité d’habitation (Briey-en-Forêt, 1954) von Le Corbusier, die 3000 Wohnungen von Les Olympiades (Paris, 1961), deren Gebäude in Y-Form angeordnet sind – und die experimentelle Wohnsiedlung Mirapolis (Le Chesnay, 1974) mit ihren pyramidenförmigen Gebäuden und hängenden Gärten.

Weiterlesen

Im Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert