Rocroi & die Route des Fortifications

Rocroi: Blick von der Befestigung auf die Stadt. Foto: Hilke Maunder
Rocroi: Blick von der Befestigung auf die Stadt. Foto: Hilke Maunder

Wie eine Filmkulisse taucht Rocroi aus der Hochebene auf. Seit der Antike ist das Tal der Meuse Grenz- und Durchgangsland. Hier wurden wirtschaftliche und religiöse Streitigkeiten ausgetragen, zankten sich Fürsten und französische Könige. Durch das Freilichtmuseum der Militärarchitektur inmitten der waldreichen Ardennen führt die 570 km lange Route des Fortifications. mit 22 Etappen nach Wahl. Endete sie früher in Frankreich, schließt sie heute auch Abschnitte in Belgien ein.

Rocroi: Bollwerk zur Champagne

Ein ganz besonderes Juwel der Militärarchitektur hat das Städtchen Rocroi bewahrt. Heinrich II. hat es als Bollwerk zur Champagne und Gegengewicht zu Charlemont, das Karl V. zur Festung ausgebaut hatte, errichtet. Zwei Umwallungen und fünf Bastionen schützen seinen alten Kern. 1675 baute Vauban die Festung zu einem Stern mit zehn Zacken aus.

Vom zentralen Paradeplatz führen sämtliche Straßen strahlenförmig zur Umwallung. Einst gewährten nur zwei Stadttore Einlass: die Porte de Bourgogne und die Porte de France. Die mächtigen Steine der Festung wurden aus dem Vallée de la Misère heran geschafft.

Rocroi: Blick vom Eingang der Kasematten auf die Stadt. Foto: Hilke Maunder

Krieg und Frieden auf der Route des Fortifications

Von Rocroi könntet ihr gen Süden auf der Themenroute weiterfahren nach Montcornet. Betrachtet einmal die Fassade seiner mittelalterlichen Burg genau. An ihren Schießscharten lässt sich der Fortschritt der Waffen erkennen. Die kleinen Öffnungen, die einst für die Armbrust genügten, mussten im Lauf der Zeit für den Einsatz von Kanonen verbreitert werden.
Mit verwinkelten Gassen, Schiefer gedeckten Häusern und mittelalterlicher Stadtmauer schmiegt sich Charleville-Mézières an eine Schleife der Maas.

Seit 1966 hat es sich mit dem von Charles de Gonzagues auf dem Reißbrett entworfenen, klassizistischen Charleville zusammengeschlossen, das frankreichweit berühmt ist für sein Internationales Marionettentheaterfestival. Seit 2011 wird es nicht mehr nur alle drei Jahren, sondern wegen seiner ungeheuren Beliebtheit nun alle zwei Jahre im September ausgetragen.

Wahrzeichen des Festivals ist eine Marionette in XXL, die heut ein den großen Komplex des sehr sehenswerten Regionalmuseums integriert ist: Hier habe ich es euch vorgestellt. Warum die Place Ducale von Charleville so sehr der Pariser Place des Vosges ähnelt, habe ich euch hier verraten. Danach folgt ihr der Themenroute nach Sedan.

Das Trauma von Sedan

Die „Schmach von Sedan“ ist bis heute im kollektiven Gedächtnis der Franzosen tief verankert und die Erinnerung noch immer lebendig. Am 1. September 1870 hatte Napoléon III. im Deutsch-Französischen Krieg in Sedan kapituliert und kurz danach abgedankt.83.000 französische Soldaten waren in preußische Gefangenschaft geraten. Das Zweite Kaiserreich war Vergangenheit. Schauplatz des geschichtsträchtigen Ereignisses war Europas größtes Feudalschloss: das Château Fort de Sedan.

1424 hat es Evrard de La Marck hoch über dem Fluß errichtet. Vier Jahrhunderte lang wurde es beständig erweitert, verstärkt und modernisiert worden: Auf 35.000 Quadratmeter erstrecken sich rund um die Wohngebäude dicke Mauern, Toure und Wehrgänge erstreckten!

In einem Teil der Burg hat sich das Dreisternhotel Le Château Fort behaglich eingerichtet – hier stelle ich es euch vor. Im anderen Teil erzählt ein Museum die Schlossgeschichte. Im Mai geben sich Ritter und Gaukler beim Burgfest ein Stelldichein, und wie einst ertönt Lanzenklirren. Das Schlachtgeschehen vom 1. September 1870 hat Louis Braun auf seinem „Panorama de Sedan“ detailgetreu auf die Leinwand gebannt – als 11,5 m langes und 1,57 m hohes Monumentalbild.

Sedan: ein Zimmer im Burghotel. Foto: Hilke Maunder

Die letzte Patrone von Bazeilles

Weiter auf dem Südarm der Themenroute erreicht ihr Bazeilles. Dort erinnert die Maison de la Dernière Cartouche, das Haus der letzten Patrone“,  an die Kämpfe von 1870/71, bei denen sich die Brigaden der blauen Division der Marinetruppen unter General de Vassoigne zwei Tage lang den bayrischen Soldaten unter dem Befehl des Generals von der Tann gegenüberstanden.

Als der Ort bereits völlig zerstört war und brannte, verschanzten sich die letzten Soldaten der französischen Marineinfanterie in das letzte Haus am Ortsrand, damals eine bescheidene Herberge mit zwei Obergeschossen, und verteidigten sich vier Stunden lang, bis die Munition ausging – die letzte Patrone verschloss Hauptmann Aubert aus dem Schlafzimmerfenster.

Danach verließen die kapitulierenden Marine.2.700 Franzosen starben während der Gefechte um Bazeilles, fast doppelt so hoch waren die Verluste der bayrischen Truppen. Steht Sedan für Schmach, ist Bazeilles bis heute Symbol des Widerstandes.

Genusspause in Carignan

In Carignan ist es Zeit für eine Rast. Eine repräsentative, 1890 erbauten Stadtvilla der Familien D’Huard und Lécluse, die während der Weltkriege als Hospital diente, haben Nathalie und Thierry Gérard in La Gourmandière verwandelt, eine gemütliche Auberge mit guter Küche – Gemüse und Obst stammen aus eigenem Anbau. Oder fühlt euren Picknickkorb mit regionalen Spezialitäten: kräftigem Ardenner Schinken, der mit Kräutern und Salz mindestens neun Monate an der Luft getrocknet wurde, würzigem Chaource (AOC) oder mageren Rocroi-Käse, Bauernbrot und Ardwen-Bier und sucht euch ein nettes Plätzchen am Flüsschen.

Kriegerdenkmal in den Ardennen. Foto: Hilke Maunder

Bei La Ferté-sur-Chiers habt ihr die Maginot-Linie erreicht, die als Band aus Bunkern Frankreichs Ostgrenze vor der Wehrmacht schützen sollte. Am 18. Mai 1940 griffen die Deutschen mit 22 Artillerieabteilungen Über den Sog in den Treppenhäusern gelangten die Brandgase in den 35 m tief gelegenen Verbindungsgang zwischen den beiden Kampfbunkern. 107 französische Soldaten starben in jener Nacht in der Ruine. Ihr Schicksal erweckt eine emotional packende Führung durch die Kasematten und den Todesgang. Für eine traumhaft schöne Nacht solltet ihr noch zehn Kilometer weiter fahren, hin zum wunderschönen Hotel Chez Odette im 10 km entfernten Williers, eines der kleinsten Dörfer Frankreichs direkt an der belgischen Grenze.

Die Bollwerke der Nordroute

Gen Norden kommt ihr von Rocroi auf der Route des Fortification nach Vireux, um 260 n. Chr. die Grenze des Römerreiches. Nördlich hausten die wilden Germanen, vor deren Einfällen ein Castrum schützen sollte. Nur wenige Kilometer weiter endet der französische Part der Route des Fortifications an einem weiteren wuchtigen Bollwerk. Das nach Karl V. genannte Fort Charlemont scheint noch immer uneinnehmbar. Seit 1555 wacht es, später von Vauban verstärkt auf einem Felsvorsprung über Givet. Toll, der Blick von oben auf die Stadt und ihre Befestigungen am Ufer der Meuse!

Umweltfreundlich auf Festungstour

Zwischen Charleville-Mézière und Givet schlängelt sich die Eisenbahn im Tal der Maas entlang. Während der Ferienmonate Juli und August gibt es besonders günstige Tagestickets. In den Zügen dürfen Fahrräder mitgenommen werden: Der 83,5 km lange Maas-Radweg ist seit Sommer 2011 durchgängig fertig gestellt.

Rocroi: die Häuser bei den Kasematten. Foto: Hilke Maunder

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