Schönste Orte: St-Bertrand-de-Comminges

Saint-Bertrand de Comminges. Lage im Garonne-Tal. Foto: Hilke Maunder
Liegt das Dorf nicht geradezu bukolisch im Garonne-Tal? Foto: Hilke Maunder

Ein Krokodil! Groß und schwarz hängt es mit leicht geöffneten Maul drinnen an der Wand der Wallfahrtskirche. Und da war es schon passiert. Meine Sonnenbrille, zum Besuch des recht dunklen Gotteshauses in die Haare geschoben, landete im Maul – und zerbrach.

Hoch über dem Unterdorf der Bauern und Handwerk ragt sie in der Haut-Bourg zwischen Fachwerk und Steinvillen der Renaissance auf. Drei Tore gewähren Zugang zum bischöflichen Oberdorf. Alle Gassen kennen dort nur ein Ziel: die Kathedrale von Saint-Bertrand de Comminges.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Die Kathedrale mit ihrem Portal aus der Romanik. Foto: Hilke Maunder

Von außen ist Pilgerkirche auf dem Jakobsweg ein wuchtiger, wehrhafter, fast ein wenig abweisender Bau. Drinnen dominierten zwei kunstvolle Schnitzwerke aus Hol: die imposante Kanzel und der geschlossene Chor, der jeden Blick ins Innere verweigert.

Jeder seiner 66 Chorstühle wie auch der überdachte Bischofsstuhl wurden von einem anderen Kunstschreiner aus Toulouse gefertigt. 30 Jahre lang dauerten die Arbeiten am Cho und seinen Schnitzereien! Ein Kapellenkranz umgibt ihn.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Der geschnitzte Chor der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder

Bertrand – der Heilige von Comminges

Im schmalen Durchgang von linkem und rechten Kirchenschiff verstecken sich die Reliquien des Mannes, der Schutzpatron der historischen Region Comminges gewesen war – und seit 1220 als Heiliger verehrt wird: Bertrand I. (* 1073; † 1123). Sein Leben und seine Wundertaten erzählt ein Grabmal, das zugleich der Hauptaltar der Kathedrale ist.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Der Hochaltar ist zugleich Grabmal für Bertrand I. Foto: Hilke Maunder

Das Krokodil taucht da nirgends auf. Und ist doch mit dem Bischof eng verbunden. Der Legende nach war dieses Reptil das teuflische Monster, das der heilige Bertrand mit seinem Bischofsstab besiegte, so wie der heilige Michael den Drachen.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Schnitzkunst: die Kanzel, die nahtlos in die Orgel übergeht. Foto: Hilke Maunder

Was für Aussichten!

Direkt am kleinen Kirchplatz findet ihr das Office de Tourisme in einem ehemaligen Kloster aus dem späten 18. Jahrhundert. Auch, wenn ihr keine Infos benötigt, solltet ihr  Les OIivétains besuchen. Drinnen zeigt dasDepartements Haute-Garonne wechselnde Ausstellung zur Regionalgeschichte. Und eröffnet ein Garten herrliche  Panoramablicke auf das Garonnetal!

Als in Rom das Kolosseum erbaut wurde, gründete der römische Feldherr Gnaeus Pompeius Magnus im Jahr 72 vor Christus nach einem Spanienfeldzug eine römische Siedlung. Sein Ziel: mit  Lugdunum Convenarum den Weg in das Val d’Aran zur sichern.

Und damit zum einzigen Tal der spanischen Pyrenäen, das sich gen Norden öffnet. Bis heute ist das Hochtal kulturell,  sprachlich und wirtschaftlich mit der Gascogne viel enger verbunden ist als mit dem restlichen Spanien.

Saint-Bertrand de Comminges. Blick vom Oberdorf auf das Garonne-Tal. Foto: Hilke Maunder
Blick vom Oberdorf auf das Garonne-Tal. Foto Hilke Maunder

Die Ruinen der Römer

Mehr als 10.000 Menschen lebten damals in der antiken Stadt. Heute könnte ihr die Ruinen von von Lugdunum-Convenae und ihre gallorömischen Überreste auf eigene Faust das ganz Jahr hindurch entdecken.

Das Herz der 36 ha großen Stadt bildeten der Marmortempel der Pyrenäen und das Forum, von denen – wie bei den Thermen – nur noch die Grundmauern erhalten sind.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
“Le plan” nennt sich das Unterdorf. Seinen Hauptplatz schmückt eine Marienstatue. Foto: Hilke Maunder

Ein kurzer Spaziergang vorbei an Wiesen und Feldern, Zypressen und Reben, Feldern und Wiesen führt zum Gräberfeld der Siedlung. Auf den antiken Fundamenten erhebt sich ein Meisterwerk der Romanik: die Basilika von Saint-Just-de-Valcabrère – eine Bestattungskirche, die heidnische und christliche Traditionen verbindet.

Saint-Bertrand de Comminges. Saint-Just de Valcabrère. Foto: Hilke Maunder
Saint-Just de Valcabrère. Foto: Hilke Maunder

Was für ein Tagesausflug!

Ober- und Unterstadt, römische Ruinen, romanische Kirchenkunst, bäuerliches Leben und der eisfunkelnde Horizont mit den Zweitausender der Pyrenäen machen Saint-Bertrand-de-Comminges zu einem der schönsten Orte Frankreichs.

Saint-Bertrand de Comminges.Hofstelle im Unterdorf. Foto: Hilke Maunder
Hofstelle im Unterdorf. Foto: Hilke Maunder

Schlendert durch die Gassen, bummelt über den Markt der Unterstadt, besucht die Holzschuhmeisterin Isa, die nach Vorbild schwedischer Clogs im Atelier der Sabots d’Isa stylische Holzpantinen fertigt und genießt die bukolische Landschaft bei der Tour auf dem Radwanderweg durch das tischtuchplatte Tal der Garonne!

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Gasse im Oberdorf mit dem Musée du Blason. Foto: Hilke Maunder

Oder wollt ihr jetzt lieber die Künstler der Unterwelt entdecken?. Dann besucht die Grotten von Gargas und entdeckt die Maler der Vorzeit in der einzigen öffentlich zugänglichen Schmuck-Höhle der Hautes-Pyrenées.

Tierbilder, geometrische Zeichen, sexuelle Symbole und rund 200 Handabdrücke von Frauen, Männern und Kindern schmücken ihre Wände. Warum sie mit roten, weißen und schwarzen Pigmenten auf dem Fels verewigt wurden, gibt bis heute Rätsel auf.

Saint-Bertrand de Comminges. Foto: Hilke Maunder
Fachwerk in der Oberstadt. Foto: Hilke Maunder

Saint-Bertrand de Comminges: meine Reisetipps

Schlemmen

La Table de St-Bertrand

Zu Füßen des Kirchhügels verwöhnt euch Nathalie Jouvenet am Hauptplatz der Unterstadt mit saisonaler Küche, die tief im Terroir verwurzelt sind. Freut euch auf  raffinierte wie authentische Gerichte im Bistro und auf der Terrasse, wo des Sommers Konzerte veranstaltet werden.
• Place, Le Plan, 31510 Saint-Bertrand-de-Comminges, Tel. 05 61 88 36 60, www.tabledestbertrand.fr

Hier könnt ihr schlafen*
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Saint-Bertrand de Comminges. Einlass zur Pilgerherberge. Foto: Hilke Maunder
Einlass zur Pilgerherberge. Foto: Hilke Maunder

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4 Kommentare

  1. Glücklich einerseits, dass nun so viele Menschen nach St.Bertrand pilgern-erstaunt aber, dass ich noch 1975 im Oktober die einzige Reisende weit und breit dort gewesen bin, es gab kein Gasthaus damals, oder geschlossen? ich fand einen Töpfer…..in der Kathedrale befanden sich vor dem Chorgestühl Berge von Waschmittelkartons, eine Art Papiermüllablage bot sich mir. Trauriger ungepflegter Erhaltungszustand, aber der traumhafte Blick vom Kreuzgang ins Bergtal war unvergeßlich. Seither hat mich dieser verzauberte Fleck fasziniert.1979 war ich wieder dort, ein kleines Restaurant gab es nun,ach ja, Kaninchenragout mit Backpflaumen…..einige Touristen und ein Musikfestival(chen).Weiter….2002 oder 2004 wieder, ein Busparkplatz war nun da, ein verstopfter PKW Parkplatz, ich bin geflüchtet-es war Juni. Mein Mann war dabei, er zeigte sich entsetzt über den Unterschied zwischen meinen begeisterten Erzählungen und der nun präsentierten Wirklichkeit. Es sieht fast aus wie in Vierzehnheiligen, meinte er durchaus abfällig…
    Frage: Wann hat man begonnen, dort aufzurüsten bzw. die Kartons aus dem Chorraum zu schaffen? Wann wurde das Festival gegründet? Da fehlt in den dokumentierten Internetstories etwas, es liest sich, als seien die Kirche und auch der Ort allzeit geöffnet und gepflegt gewesen…da hebe ich die Hand und widerspreche.
    Ihnen viel Glück und alles Gute. Ich grüße Sie
    Christiane Gaussmann

    • Liebe Frau Gassmann, ganz herzlichen Dank für Ihre Ergänzungen und Rückblicke! Ich war zur Hauptsaison im August dort. Der Busparkplatz war trotz bestem Wetter verwaist – man sagte mir auf meine Nachfrage, er würde nur bei Pilgerevents proppenvoll werden. Im Gegensatz zu anderen schönsten Orten, die zur Hauptsaison völlig überlaufen sind und nur noch aus Touristenlokalen und Shops bestehen, ist diese Entwicklung in Saint-Bertrand (noch) nicht zu sehen. Es gibt gerade mal eine Handvoll Geschäfte und Lokale, die sich um den Kirchplatz unten den Markt der Unterstadt (1 Lokal) konzentrieren. Das Hôtel du Comminges am Kirchplatz war einst eine Pilgerherberge. Gerade, weil der erwartete Rummel fehlte, und wir mitten im schönsten August an einem Wochenende den Ort ganz charmant erleben konnten, waren wir so angetan. Auffällig war auch, dass das Gros der wenigen Besucher mit dem Rad gekommen war – im Tal verläuft der Garonne-Radwanderweg. Merci also vielmals, dass Sie meine Eindrücke relativiert haben. Mal sehen, wie ich den Ort jetzt Anfang Oktober erleben – da komme ich dann aus beruflichen Gründen wieder dorthin. Bonne journée und beste Grüße! Hilke Maunder

  2. Auch wir lassen uns gerne verführen von den schönsten Dörfern Frankreichs. Nachdem wir diese bei unserer letzten Reisen jedoch mit Tausenden anderen besucht haben, sind wir nachdenklich. Bald wegen Überfüllung geschlossen? Oft liegen einige Kilometer weiter ebenso schöne Orte! Wir werden in Zukunft einfach mal weiterfahren und selbst Ausschau halten. Trotzdem freuen wir uns weiter über die Tipps!

    • Hallo Verena,
      das stimmt leider – die schönsten Dörfer Frankreichs sind im Juli/August völlig überrannt durch dieses prestigeträchtige Label. Aber von September bis Mai, und einige sogar noch selbst Anfang Juni, richtig schöne Idyllen. Und manche, wie St-Bertrand, habe ich selbst im August 2019 nicht als überlaufen erlebt. Und ja, sehr viele schöne Orte sind noch immer unentdeckte Orte ohne Label und Vermarkung. Und säumen die Departementsstraßen… Bonne route!

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