Die stille Schönheit der Lagunenseen

Katalanisches Fischerboot in der Lagune desDes Étang de Salses-Leucate

El Casot del Traïdor. Die Hütte des Verräters! Was für eine Name für einen Klecks auf der Landkarte. Einen Haufen von Häusern nördlich von Saint-Hippolyte im Roussillon, dessen Gärten und Grundstücke am zweitgrößten Lagunensee des Roussillon enden.

Folgen des Klimawandels

Ein halbes Dutzend solcher „étangs“ säumen zwischen der Camargue und den Pyrenäen die Mittelmeerküste. Entstanden sind sie bei einem Klimawandel mehr als 20.000 Jahren.

Schilf ist ein traditioneller Baustoff an der Lagune. Foto: Hilke Maunder

Damals hatte die globale Erwärmung den Meeresspiegel steigen lassen. Das Mittelmeer drängte die Sedimente, die vom Kontinentalschelf gerissen wurden, zurück. Sandbarrieren entstanden. Sie trennten das Meer vom Brackwasser, das in die untersten Teile der Küstenebene eingedrungen war.

Tore zum Mittelmeer: die „graus“

Nur die „graus“, befestige Kanäle, verbinden seitdem das Meer mit den Lagunen entlang einer 180 km langen Ausgleichsküste. 130.000 Hektar bedecken solche Lagunenseen im gesamten Frankreich. Fast die Hälfte aller Lagunen – 45 Prozent – haben ihre Heimat im Languedoc.

.., bis zum kompletten Haus. Foto: Hilke Maunder

So auch die  Lagune von Salses-Leucate, wo sich der Weiler des Verräter versteckt. Entlang einer Nord-Süd-Achse säumt sie die Küste auf 14 Kilometer. 6,5 km misst sie an ihrer breitesten Stelle, doch nur zwei bis maximal 3,5 m Tiefe.

Spaniens Festung auf Frankreichs Boden

Ihr Name lässt ahnen, was es mit dem Verräter auf sich hat. „Porte des Pays Catalans“ nennt sich heute das Dörfchen Salses-le-Château stolz. Doch Jahrhundert lang war es ein heftig umkämpfter Ort.

Bereits die Römer hatten dort eine Festung zur Überwachung ihrer Handelsstraße Via Domitia von Narbonne nach Spanien errichten.

Das Château de Salses: Spaniens Festung auf französischem Boden. Foto: Hilke Maunder

In Salses reichen die Lagunenseen fast bis an die Ausläufer der Corbières-Berge heran. Sämtlicher Verkehr musste schon einst den schmalen Landstreifen nutzen – was für eine strategische Lage an der späteren Grenze zwischen Frankreich und Spanien!

1496 legten die Franzosen das Dorf in Schutt und Asche. Ferdinand II. von Aragon antwortete mit dem Bau der einer imposanten Festung nach den modernsten Techniken der Verteidigung.

Ihr genialer Architekt war Francisco Ramiro López. 20 Prozent des Staatsbudgets ließ sich der König den Bau kosten.  150 Jahre lang schafften es die Franzosen nicht, sie einzunehmen.

Der Eingang zur Festung von Salses. Foto: Hilke Maunder

Hart umkämpft

Erst 1642 fiel sie nach dreimonatiger Belagerung. Der Pyrenäenfriede machte den Roussillon 1659 französisch. Sonnenkönig Ludwig XIV. macht sie zum Kerker. Und genau in jener Zeit muss in dem Weiler am Lagunensee ein Verräter gelebt haben.

Wer er war? Das weiß heute niemand mehr hier. Auch die Geschichtsbücher und Archive sagen dazu nichts. Doch ein perfektes Hideaway ist die kleine Siedlung am See noch immer.

Kurz hinter Saint-Hippolyte endet die befestigte Straßen. Weingärten, Aprikosenfelder und Schilf säumen die Schlaglochpiste. Staub umhüllt meinen Wagen bei der Fahrt.

Beschaulichkeit am Kanal: ein vertäuter Holzkahn. Foto: Hilke Maunder

Holzkähne dümpeln im Schilf neben der Straße. Keramiken mit Rugbymotiven, katalanischen Sang-et-Or-Flaggen und maritimen Fischerei-Motiven schmücken die Fliesenschilder der Häuser, die sich mit hohen Mauern vor neugierigen Blicken schützen. Hibiskus, Oleander und Frangipani blühen.

Aus der Zeit gefallen

Ein Feigenbaum ragt über die Ummauerung heraus, schwer von tiefroten Früchten. Kinderlachen durchbricht die Stille. Dann knarzt ein Mast in der sanften Brise. Am sandigen Ufer, dicht bedeckt von Seegras, das die Sonne getrocknet hat, liegen katalanischen Fischerboote, bunt in rot, gelb, blau.

Das Vereinsgelände von Bonança. Im Hintergrund: Le Barcarès. Foto: Hilke Maunder

Hohe, würzig duftende Kiefern,  Strandflieder und Tamarisken säumen den kleinen Naturstrand. Bonança, informiert ein Schild. Seit  1996 verfolgt der Verein  mit seinen Fischern, Seeleuten und Segelfreunden das Ziel, das alte maritime Erbe der Region zu schützen und katalanische Boote wiederherzustellen.

Die alten Boote der Katalanen

Von Mittwoch bis Sonnabend kann man ihnen zuschauen, wie sie das Holz bearbeiten, die Boote abdichten und imprägnieren, bemalen, takeln und Segel nähen. Und dann die Segel hissen, bei Regatten auf Siege hoffen und durch die „graus“ aufs offene Meer segeln und hinfahren zu „trobadas“, Treffen mit Bootsfreunden im spanischen Katalonien.

Auf dem Weg dorthin kommen sie vorbei an den Anlagen der Austernzüchter und Aquafarmen, die im Brackwasser Garnelen züchten.

Abends auf dem Ètang de Salses-Leucate. Im Hintergrund: der Canigó – der heilige Berg der Katalanen. Foto: Hilke Maunder

Zwei Welten

Zwergseeschwalben werden abends über ihren Köpfen Mücken fangen, Windsurfer und Kitesurfer um ihre Boote sausen.

Wassersport versus Natur und Tradition: Immer häufiger kommt es zu Nutzungskonflikten am Étang de Salses-Leucate.

Surfen vs. Fischen, Freizeitsport vs. traditioneller Wirtschaft: ein Konflikt, der an er Lagune von Salses-Leucate (noch) nicht explodiert ist, aber latent schwellt. Foto: Hilke Maunder

Der Druck der Nehrung

Sein stark urbanisierter Nehrungsstreifen mit den beliebten Badeorten Leucate und Port-Barcarès erobert immer stärker die stille Lagune. Mit La Coudalère haben Niederländer erstmals eine ganze Feriensiedlung aufs Wasser gestellt.

2017 erhielt die Lagune von Salses-Leucate das RAMSAR-Siegel und wurde damit damit als 46. französisches Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung anerkannt.

Refugien der Zugvögel

Die Lagune mit ihren Schilfbeeten, Salzwiesen und Dünen liegt mitten im Korridor der Zugvögel. 280 Arten, 89 davon geschützt, rasten und nisten hier. Unter ihnen befindet sich ein hoher Anteil der bedrohten Arten Brutvögel – vom  Seeregenpfeiffer (gravelot à collier interrompu) bis zum Austernfischer (huîtrier pie).

Ein traditionelles katalanisches Fischerboot vom Étang de Salses-Leucate. Foto: Hilke Maunder

Die Lagunenseen des Mittelmeeres: ein paar Infos

Étang de l’Or (auch:  Étang de Mauguio)

Den „Goldteich“ des Hérault trennt ein 600 m langer Dünenstreifen vom Mittelmeer. Wo im Mittelalter die Bischöfe von Maguelonne und Uzès durch das Fangen von Aalen und anderen Fischen ihr gutes Auskommen fanden, wurde seit der Antike Salz abgebaut.

Erst im 20. Jahrhundert stellte die Salinen von Pérols ihren Betrieb ein. Heute gehört die Lagune mit ihrer Flora undFauna der umgebenden Sümpfe zum europäischen Natura 2000-Netz.

In der warmen Jahreszeit sind Flamingos hier Stammgäste. Foto: Hilke Maunder

Étang de Thau

Der größte Lagunensee des Languedoc ist der 18 km lange Étang de Thau südwestlich von Sète. Mit durchschnittlich 4,5 m ist er tiefer als die andern Lagunen. Seine Süßwasserquelle Gouffre de la Bise sprudelt sogar in annähernd 30 m Tiefe im See!

Fischzucht und Salz waren auch dort die beiden wirtschaftlichen Standbeine, ehe Tourismus und Austernzucht Mitte des 20. Jahrhundert die Regie übernahmen. Heute könnt ihr am Étang de Thau selbst Wellness mit Austern erleben!

Der Étang de Thau mit den Austerntischen von Bouzigues. Im Hintergrund: der Mont Saint-Clair von Sète. Foto: Hilke Maunder

Étang de Bages

Im 5500 ha großen Étang de Bages wird seit Jahrhunderten Aal gefangen. Das Dorf und seine Lagune habe ich hier vorgestellt. In der Antiker war die Lagune noch zum Mittelmeer geöffnet.

Heute gehört sie heute zum Regionalen Naturpark Narbonnaise en Méditerranée. Dennoch bemerken die örtlichen Fischer, dass Industriebetriebe Schadstoffe einleiten.

Allein Comurhex (COnversion Métal URanium HEXafluorure) war von 1990 bis 1998 an 50 Prozent der Eutrophierung des Teiches durch chronische oder zufällige Stickstoffeinträge beteiligt. Das Unternehmen musste 239.371 Euro Schadenersatz zahlen.

Fischerboote am Étang de Bages. Foto: Hilke Maunder

Im Dezember 2011 wurde Comurhex erneut mit einer Geldstrafe von 60.000 Euro für die Einleitung von Umweltgiften in der Zeit vom 21. August bis 25. August 20095 belegt. 2009 kam es im gleichen Werk erneut zu einem Betriebsunfall, der erst anderthalb Tage später gemeldet wurde.

Comurhex war ein Tochterunternehmen von AREVA.  Die Umstrukturierung vom Februar 2014 machte AREVA zum offiziellen Betreiber wurde.

Seit 2018 heißt die Mutterfirma der Anlage, die ein Viertel der weltweiten Roh-Urans aufbereitet, Orano. Mehr zu diesem Thema, das Narbonne im wieder in den Schlagzeilen rückt, findet hier auf dieser Webseite, die sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzt.

Abendstimmung am Étang de Bages. Foto: Hilke Maunder

Am 23. und 24. August 2009 waren Fluor- und Uran aus dem Comurhex-Werk in Malvési ausgetreten. Diese Leckage hätte verhindert werden können. Onema-Agenten haben Comurhex vorab mehrfach davor gewarnt. Doch das Management hatte nur abgewunken…

Salzüberkrustet: Ufer eines Étang im reggionalen Naturpark von Narbonne. Foto: Hilke Maunder

Étang de Canet-St-Nazaire

Afrika in die Länge zogen: So sieht der Étang de Canet-St-Nazaire von Canet-St-Nazaire aus der Luft aus. Er ist der letzte große Lagunensee an der Mittelmeerküste. Im Mittelalter waren es noch gut drei Dutzend.

Der südlichste Lagunensee ist zudem der flachste: Nicht mal einen Meter tief ist er an vielen Stellen, und die Pflanzen erobern von Land aus immer mehr Terrain.

Schilfhütte am Étang von Canet-St-Nazaire. Foto: Hilke Maunder

Nicht 4,8 km² , sondern doppelt so groß war er noch 1750. Die kleinen Küstenflüsse Llobère, Fosseille,  Réart,  Agouille de la Mar, Agouille d’En Ferran und Agouille de l’Aygual spülen zwar Süßwasser in den See.

Es ist jedoch viel zu wenig, um die Verlandung zu stoppen. Auch der Austausch mit dem Mittelmeer ist gering: Ein einziger „grau“ gewährt Zugang zum Salzwasser und spült es in die Lagune.

Der Canigou ist immer im Blick – auf am Étang de Canet-St-Nazaire. . Foto: Hilke Maunder

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Infos zu den Lagunenseen an der Mittelmeerküste

https://pole-lagunes.org

http://rivage-salses-leucate.org

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Ein Bohlenweg erschließt das Ufer des Étang de Bages. Foto: Hilke Maunder
Windsurfer am Étang de Bages. Foto: Hilke Maunder
Salzsee im Parc Régional Naturel Narbonnaise bei Bages. Foto: Hilke Maunder

 

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