Landeskunde: Frankreich verstehen

F/Paris: Boulevard Montmartre, Brasserie "Zephyr"
Am Boulevard Montmartre findet ihr die Brasserie "Zephyr". Foto: Hilke Maunder

Der Franzose: eine Baskenmütze auf dem Kopf, ein Baguette in der Hand. Die Französin: stets gestylt trotz dreier Kinder. Stereotypen und Klischees. Fast immer, wenn wir auf Frankreich blicken, ist auch immer ein Schuss Verklärung dabei.

Diese Bücher räumen ein wenig unser Bild von der Grande Nation zurecht. Auf unterhaltsame Weise entzaubern sie Mythen, sorgen für „Aha“-Erlebnisse auch bei Frankreich-Kennern und werfen einen neuen Blick auf das Land, dass ihr wie ich so liebt.

Julian Barnes, Tour de France*

Ob Charme oder Chanson, Kunst oder Küche, französische Lebensart oder Literatur – Julian Barnes weiß fast alles über Frankreich. Er ist schon als Junge mit seinen Eltern als Tourist nach Frankreich gereist. Auf den Fahrten im Familienwagen durch die Provinz nahm er das Land auf der anderen Seite des Kanals jedoch anfangs mit der Überheblichkeit des typischen Inselbewohners wahr – eigenartig schmeckender Käse, blutiges Fleisch, undefinierbare Soßen, bitterer Kaffee und viele Kathedralen. Doch dieser hartgesottene junge Brite kann letztlich dem Zauber der französischen Zivilisation nicht widerstehen.

Auch das Cover passte zum Klappentext: ein kastiges britisches Auto von einst vor dem Klosterberg Mont-Saint-Michel. Neugierig begann ich zu lesen. Nahm wissbegierig Anekdoten und Infos zu Boris Vian, Jacques Brel und Georges Brassens auf, blickte tief in den Dopingsport der Tour de France, traf lesend die Filmemacher Godard und Truffaut.

Und verzog Julian Barnes so manche selbstverliebte Gefälligkeit und Ausschweifung. Doch auf Seite 97 war Schluss. Nur aus reinster Selbstdisziplin – ich lege nie ein einmal begonnenes Buch aus der Hand – quälte ich mich weiter bis zur Seite 319. Was geschah auf Seite 97? Und warum die Qual? Genau auf Seite 97 bricht das Konzept des Buches. Die gesammelten „Essays“, die – philologisch gesehen, den Titel „Essay“ nicht verdient haben – kennen nur noch ein Thema.

Das Lieblingsthema von Barnes. Gustave Flaubert. Ob Baudelaire oder Mallarmé, Victor Hugo oder Turgenjew: Alle fallen gegen den Säulenheiligen des Julian Barnes ab. Ab Seite 97 ist die vom Titel in Aussicht gestellte Tour de France nur noch eines: eine Hommage an Flaubert, schwärmerisch wie aufklärerisch, die Show des Bildungsbürgers Barnes.

Brav bringt der Brite sein Wissen unter die Leute. Ohne esprit oder intelligenter Geistesblitze. Sondern in Bandwurmsätzen, durch Semikolons abgesetzt, mit Anführungsstrichen durchsetzt und voll mit wiederkehrenden  Zitaten von Woods. Keine Tour de France, sondern Tour de Force. Für Flaubert. Ihr wollt euch selbst überzeugen? Dann könnt ihr das Buch hier* online bestellen.

Durch den Süden Frankreichs*

Manfred Hammes: Durch den Süden FrankreichsFür seine Bücher hat Hammes den Süden von Frankreich hin und her durchquert: 60.000 km kamen bei seinen Autotouren auf dem Tacho zusammen. Auf 6.000 Wanderungen entdeckte er zu Fuß durch Südfrankreich. Trotz der rund 1000 Restaurantbesuchen hat er bei seinen Recherchen nur fünf Kilogramm zugenommen.

Seine Entdeckungen, Erlebnisse und Anekdoten veröffentlichte Hammes 2008 in Erzähl mir vom Süden…: Ein literarischer Reiseführer durch den französischen Midi (Provence, Côte d’Azur, Languedoc-Roussillon*. Der Vorläufer ist nur halb so dick wie das Mammutwerk, das 2019 beim Schweizer Nimbus-Verlag erschienen ist. 

Karten und nützlichenHinweisen, ein gute Orts- und Personenregister, Lesebändchen und mehr als tausend farbigen Abbildungen machen den Band nicht nur zu einem sehr unterhaltsamen, sondern auch sehr praktischen Führer durch den Süden von Frankreich.

Für alle, die noch mehr entdecken wollen, hat Manfred Hammes einen Blog ins Leben gerufen, auf dem er weiter reist durch den Süden: Lust auf Provence. Wer neugierig ist, kann hier im Blog mehr über den Autoren erfahren – Leben, Werk und Leseprobe inklusive. Wer mag, kann das Buch hier* direkt bestellen.

Alles Mythos*

Ralf Nestmeyer, Historiker und Nürnberger Autor vieler Frankreichführer, hat sich den Mythen und Wahrheiten der Grande Nation gewidmet, untersucht sachkundig 16 Stereotypen und Irrtümer, und sorgte immer wieder für „Aha“-Erlebnisse beim Lesen.

Oder wusstet ihr, dass die Tour de France von einem Redakteur der Zeitschrift „L’Auto“ ins Leben gerufen wurde, um das Blatt vor der Insolvenz zu retten? Fast schon typisch französisch ist der Esprit, mit dem Ralf Nestmeyer das 214 Seiten dicke Bändchen vom Konrad Theiss Verlag verfasst hat. Schade nur, dass bei der Papierqualität des Einbandes gespart wurde…

Lesegenuss und Inhalt: einfach toll. Typo und Satz: ebenfalls gelungen, aber: Lektorat von Thomas Theise – naja (u. a. S. 92 Tourjubiläum, S. 179 Guiscard d’Estaing, fehlende Satzzeichen….). Dennoch: ein Muss für Frankreichfans. Und: Den Titel gibt es auch als e-Book! Wer mag, kann den Band hier* online bestellen.

Frankreich: Eine Nachbarschaftskunde*

Mit „Anders Reisen“ von Günter Liehr im Gepäck bin ich Mitte der 1990er-Jahren durch Frankreich gereist. Mit Liehr habe ich Paris abseits eingetretener Pfade und die maghrebische Subkultur von Marseille entdeckt.

15 Jahre später hat mich der Deutschlehrer, Journalist und Sachbuchautor, der 1977 nach Paris ins 19e Arrondissement gezogen ist, erneut mit seinem Wissen über mein liebstes Nachbarland in den Bann gezogen.

„Frankreich. Eine Nachbarschaftskunde“ verlässt oft etablierte Pfade des Denkens, zieht Querverbindungen und überrascht mit Assoziationen und Einblicken, die auch Frankreich-Kennern ein „Aha“ entlocken.

Schade nur, dass das Bändchen nach 229 Seiten endet…. ich hätte gerne weitergelesen und noch viel mehr über la douce France erfahren. Wer mag, kann das Buch hier* online bestellen.

Die deutsch-französischen Beziehungen*

Wer sich für die bilateralen Beziehungen interessiert, kennt seinen Namen: Prof. Dr. Henrik Uterwedde war viele Jahre lang der lang stellvertretenderDirektor des Deutsch-Französischen Instituts (dfi) in Ludwigsburg.

Jetzt hat der Wissenschaftler eine kompakte Einführung vorgelegt, die auf 178 Seiten alle wichtigen Themen der deutsch-französischen Beziehungen umreißt: Wirtschaft, Euro, Gesellschaft, Kultur, Bildung und Wissenschaft.

Vorangestellt ist ein kurzer Abriss der “Geschichte einer spannungsreichen Nachbarschaft”.  Sie führt von Germania und Romania über 23 deutsch-französische Kriege hin zum Deutsch-französischen Vertrag von 1963 und dessen Vertiefung und Ausweitung durch den Aachener Vertrag 2019.

Eingestreute Hintergrund-Infos und Themenschwerpunkte, beispielsweise zu den Hugenotten oder den norddeutschen Migranten in Bordeaux, werfen manch weniger bekannte Aspekte der gemeinsamen Geschichte auf. Zitate, Quellen und Literaturempfehlungen machen das Buch zu einer gut lesbaren und äußerst informativen Einführung. Wer mag, kann die kompakte Länderkunde hier* online bestellen.

111 Gründe, Frankreich zu lieben*

Die Klischees über Frankreich sitzen tief, haben die beiden ARD-Korrespondentinnen Daniela Kahls und Evi Seibert als Resonanz auf ihre Berichte aus Frankreich immer wieder erfahren. Und diesmal nicht zum Mikro gegriffen, sondern zur Feder. Herausgekommen ist ein Gemeinschaftswerk, das mit einem Augenzwinkern das Land und seine Bewohner unterhaltsam vorstellt: in kurzen Geschichten und Anekdoten, kenntnisreich wie humorvoll verfasst – 111 Gründe, die mir die Franzosen noch sympathischer gemacht haben.

Zum Beispiel dank des 8. Grundes: Weil sie High Heel-Kurse anbieten. Bei der Talons Academy, der Schule für hohe Absätze. Ich konnte förmlich den Saal vor mir sehen, in denen sonntags die Pariserinnen den eleganten Schritt auf 12 cm hohen Stilettos üben. Erst langsam, dann im schnellen Businesstrab.

Und genauso neu war für mich auch Grund neun, die Duftbibliothek von Versailles. Und wusstet ihr, dass es in Paris eine Polizei im Untergrund gibt, die unter der Erde ein rund 300 km langes Netz aus Gängen kontrolliert? Wer mag, kann das Buch hier* online bestellen.

So sind sie, die Franzosen*

„Humorvoll geschriebene Betrachtung über die Franzosen. Habe an vielen Stellen sehr lachen müssen und vieles wiedererkannt bzw. auch bemerkt, wie „deutsch“ ich selbst denke“, hat auf Amazon in der bislang einzigen Rezension zum Buch geschrieben, das in diesem Herbst erschien.

Und genauso ist das Werk des Duos auch: perfekte Unterhaltung – ein getextes Augenkino mit Anekdoten und Aperçus, flott geschrieben, nicht nachdenklich, tiefsinnig und schwer, sondern leicht  wie eine Brise, die aus dem Nachbarland schon vor dem Urlaub zu euch hinüber weht, das euch ein, zwei Stunden unterhält, ein Lächeln auf euer Gesicht zaubert. Kurzum: ein Buch wie ein Aperitif, das ihr euch auf den Besuch in Frankreich einstimmt.

Wer mag, kann das Buch hier* online bestellen.

Le FettnapfWie ich lernte, mich in Frankreich nicht zum Horst zu machen*

Vielleicht kennt ihr sie von N24 oder aus Printmedien für Focus, Handelsblatt, Bunte oder NZZ? Tanja Kuchenbecker lebt seit mehr als 20 Jahren als freie Journalistin und Buchautorin in Frankreich. Was sie erlebte, als sie frisch ankam, und wie es ihr schließlich gelang, sch  einigermaßen würdevoll durchs französische Alltagsleben zu bewegen, erzählt sie auf 224 Seiten.

Gehofft hatte ich leichte Kost mit Tiefgang, ein Werk voller Esprit. Doch leider bündelt sie nur Plattitüden, konzentriert sich auf Belanglosigkeiten, Übertreibungen und persönlichen Aussagen, betrachtet die Franzosen eher mit einem verständnislosen Kopfschütteln und verstrickt sich in Widersprüche. Désolée, Tanja. Ich hatte mehr erwartet.

Wer mag, kann das Buch hier online bestellen.

Fettnäpfchenführer Frankreich*

Fast drei Mal so dick ist dieser Kulturführer, den das Duo Bettina Bouju  und Johanna Link verfasst hat. Die eine hat Ethnologie-, Literatur-, Film und  Journalismus, studiert, die andere sogar einen interdisziplinären Diplomstudiengang Frankreichstudien abgeschlossen, doch genützt hat es nichts: 288 Seiten lang habe ich mit über veraltete Stereotypen geärgert.

Die als Beispiele herangezogenen Anekdoten wirken sehr oft konstruiert und künstlich. Auch schadet der Protagonistenwechsel der Übersichtlichkeit und stoppt den Lesefluss. Was mich fast noch mehr genervt hat, war der Versuch, sich sprachlich der jungen Zielgruppe anzupassen.

Und: Haben beide nicht sogar in Frankreich gelebt? Wie können dann sprachliche Fauxpas wie diese entstehen: Kir Royale (korrekt: Kir Royal, da maskulin). Oder:  Je vous fait [muss „fais“ heißen bei 1. P. Sing.] un autre Pastis“ . Wer mag, kann den Band hier* online bestellen.

Gebrauchsweisungen für…

Paul Watzlawik war 1978 der erste gewesen, der für diese Reihe des Piper-Verlages den Auftaktband verfasst und sich in seiner Gebrauchsanleitung für Amerika den Zugang Schritt für Schritte seinen Zugang amerikanischen Seele offenbarte.

Bis heute sind die Bände, die in der Tradition von Reiseliteratur à la Fontane oder Mark Twain stehen, keine schnell getexteten Werke voller Klischees, sondern Literatur, die unterhält, nachdenklich macht, euch mitnimmt auf Erlebnisse von Glück bis Pech – und so Wesen und Seele eines Landes berührt. Das gilt auch für die drei Bände zu Frankreich, die zwar nicht mehr ganz frisch, aber dennoch bis heute unglaublich lesenswert sind.

• Johannes Wilms: Gebrauchsanweisung für Frankreich*, Piper-Verlag 2005 (192 Seiten, ISBN: 978-3-492-27544-6)
• Jenny Hoch, Gebrauchsanweisung für Korsika*, Piper-Verlag 2014 (224 Seiten, ISBN: 978-3-492-27640-5)
• Birgit Vanderbeke: Gebrauchsanweisung für Südfrankreich*, Piper-Verlag 2011 (224 Seiten, ISBN: 978-3-492-27601-6)

Peter Sloterdijk: Mein Frankreich*

Vorfreude! Wenn ein wortgewandter Philosoph sich zu Frankreich äußert, und dann den sehr persönlichen Titel wählt „Mein Frankreich“, dann werden sicher geistreiche Beobachtungen, Analysen, Aperçus folgen. Und elegante Bögen und Querverweise zu heute in seinen Betrachtungen zur Geschichte und Philosophie Frankreichs seit dem 18. Jahrhundert für kleine Feuerwerke und Ahas beim Lesen sorgen.

„Frankreich war kulturell gesehen meine erste Liebe“ , hatte der Karlsruher Professor für Ästhetik und Philosophie mal gesagt. Er hatte Camus, Sartre und Voltaire als literarisch prägende Vorbilder genannt und mich mit diesen Aussagen neugierig auf sein Werk gemacht. Den Auftakt der rund zwei Dutzend Essays macht Descartes. Auf fünf Seiten preist Sloterdijk, der sich selbst als philosophierenden Schriftsteller versteht, den Discours de la méthode von Descartes als  Aufbruch in die Neuzeit und Weigerung, den „Dialog mit den Toten“ aufzunehmen.

Da muss ich im Studium wohl auf der Leitung gesessen und alles falsch verstanden haben. Damals wurde uns gelehrt, Descartes Hauptwerk von 1637 sei eine Auseinandersetzung mit den Kategorienlehren von Aristoteles und Platon…. Aber Textarbeit ist ja Auslegungssache.

Bei Rousseau jedoch gehts dann doch an den historischen Fakten vorbei. 1765 gab es schlichtweg die Schweiz noch nicht – die wurde erst 1848 gegründet. Im 18. Jahrhundert gab es dort nur Geflecht souveräner Kleinstaaten, die sich im losen Staatenbund der Alten Eidgenossenschaft zusammengeschlossen hatten.

Sloterdijk weiter: „Längst hatte die Schweiz zu dieser Zeit eine Schlüsselrolle in der Geschichte des erneuerten republikanischen Freiheitsgedankens inne.“ Wie bitte? Rousseau lebte um 1765 in Genf, und da herrschte die kleine, ultrakonservative Oberschicht der „Négatifs“, und damit eine Handvoll alteingesessener Familien, als Patriziat über das rechtlose Volk, „Habitants“ genannt.

Tapfer las ich weiter. Hoffend, dass Sloterdjiks Gedanken mein Hirn kitzeln. Doch zunehmend begann auch Sprache das Lesevergnügen zu zerstören. Aufgebläht, verfettet und manieriert quält sie sich von Satz zu Satz, von Essay zu Essay, die nicht nur einen roten Faden, sondern nur durch die Hybris des Autors zusammengehalten werden. Sie entlarvt sich im letzten Beitrag, einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel zum Thema Sport.

Sloterdijk, der in den letzten Jahren nach eigenen Worten seine Begeisterung für das Radfahren entdeckt hat, war von Freunden das Gelbe Trikot geschenkt worden. Mit „Mein Frankreich“ hat sich Sloterdijk als führender Fahrer auf der geistesgeschichtlichen Landkarte disqualifiziert. Aber vielleicht taugt ein schwerer teutonischer Geist auch nicht zu französischem esprit….

Voilà der erste Verriss meines Lebens.. Hätte nie gedacht, dass es gerade dieses Buch wird, das mich zunächst so angesprochen hatte. Aber ich stehe mich meiner Enttäuschung nicht allein dar, wie Reaktionen im Netz zeigen. Wer mag, kann das Buch hier* online bestellen und sich selbst ein Bild machen.

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