Roquefort: ein königlicher „Stinker“

Cremig-würziger Blauschimmelkäse der Auvergne: der Rqoefort
Blauschimmelkäse des Aveyron: der Roquefort

Ein Hirte vergaß beim Schäferstündchen sein belegtes Brot – und erfand so Frankreichs berühmtesten Käse: den Roquefort. Diderot und Voltaire schätzten den königlichen Stinker, Casanova lobte ihn als Aphrodisiakum.

Es geschah vor mehr als 2.000 Jahren: Ein Hirte, der sein Mittagsmahl gerade in eine Felsgrotte gelegt hatte, um es frisch zu halten, bemerkte ein junges, wunderschönes Mädchen. Sie zog ihn so sehr an, dass er ihr nacheilte. Tagelang folgte er ihr – bis sie plötzlich am Horizont der Hochebene verschwand. Als er zur Grotte zurückkehrte, war das Roggenbrot verschimmelt, der Käse von zarten grünen Äderchen durchzogen. Doch da er hungrig war, probiert er den Käse. Und war begeistert: Sein einfacher Schafkäse hatte sich in eine Köstlichkeit verwandelt.

Schon Karl der Große aß ihn, danach Diderot, Voltaire und Rabelais, und Casanova gab er Lendenkraft: „Oh wie ausgezeichnet ist der Roquefort, um die Liebe wiederherzustellen und eine keimende Liebe rasch zur Reife zu bringen“, soll der Frauenheld geschwärmt haben. Im 20. Jahrhundert wurde der Käse mehrfach zum Symbol des Widerstandes. Während des Zweiten Weltkrieges war Roquefort-sur-Soulzon Zentrum der Résistance.

Als die Amerikaner 1968 den Causse du Larzac in einen Truppenübungsplatz verwandeln wollten, mobilisierten die Schafzüchter erfolgreich einen landesweiten Protest. Auch die moderne Lebensmittelindustrie ist den traditionsbewussten Käsemachern ein Dorn im Auge. Als McDonald’s 1999 im 20 km entfernten Millau eine neue Filiale eröffnen wollte, demolierte Schafzüchter José Bové das Gebäude unter dem Applaus der Bevölkerung. Die Leute seien verärgert über die Amis, hieß es in damals den Zeitungen, weil sie Strafzölle gegen französischen Käse verhängt hätten – und im Gegenzug ganz Gallien mit Fast-Food-Shops überzögen.

Das Geheimnis des Höhlenkäse

Mythos und Tradition umgeben bis heute auch die Herstellung des berühmten Edelpilzkäses. Als vor 200.000 Jahren das Combalou-Massiv zusammenstürzte, entstand ein rund zwei Kilometer langer Felssturz, dessen Höhlen und Grotten bis in 300 Meter Tiefe reichen.

Diese natürlichen Höhlen, zu Veredlungskellern ausgebaut, bergen das Geheimnis des Roquefort: Das ganze Jahr hindurch zieht dank der Felsspalten, von den Einheimischen „Fleurines“ genannt, Luft durch die Keller. Sie sorgt für konstante Belüftung und gleichbleibende Temperaturen.

Besondere Kriterien gelten bei der Herstellung auch für die verwendete Rohmilch. Sie muss von den Lacaune-Schafen stammen, jenen Schafen, deren Fell auch für die Handschuhherstellung in Millau verwendet wird, die im Umkreis von rund 200 Kilometern rund um das Dorf Roquefort in den Départements Aveyron, Lozère, Gard, Hérault und Tarn auf der Causse de Larzac grasen.

Jedes Muttertier gibt jedoch nur von Januar bis Juli Milch – danach beginnt die Tragezeit. So ist auch die Käseproduktion auf diesen Zeitraum beschränkt. Während im März mit 3.000 Tonnen die Herstellung auf Hochtouren läuft, ruhen von August bis Dezember die Maschinen.

Leider leer – die Käsekeller von Roquefort. Denn produziert wird nur von Dezember bis Juni.

Neben der Rohmilch, die mit 7,2 Prozent deutlich fettreicher als Kuhmilch ist, wird ein Pilz namens Penicillium roqueforti zur Käseherstellung benötigt – er ist ein Verwandter des Penicillins, das Alexander Fleming entdeckte.  Als ich dass in der Cave Papillon hörte, war ich baff. „Dieser Käse ist pure Gesundheit“, meinte daraufhin der Führer.

Dieser Pilz wird bis heute so kultiviert, wie es die Legende überliefert hat: auf Roggen- und Weizenbrot. Seine Sporen werden der auf 32°C erhitzten Milch zugegeben. Nach rund zwei Stunden ist sie zu einer Käsemasse geronnen, die mit einer Käseharfe in Würfel zerschnitten wird. Der Käsebruch wird umgerührt, von der Molke getrennt, und in Käseformen gefüllt und gepresst.

Im 18° C warmem Abtropfraum entweicht zwei Tage lang die restliche Flüssigkeit, bevor der Laib gekennzeichnet und mehrmals mit Meersalz eingerieben wird. Diese Vorarbeiten erfolgen in zahlreichen Molkereien der Region. Zum echten Roquefort wird der Laib jedoch erst in den Höhlen von Roquefort, in die er dem mehrtägigen Salzen zum Reifen gebracht wird.

Lagern sorgt für Würze

Wenn sie dort ankommen, sind die Laibe noch weiß und fest. Zum Belüften werden sie mit 32 dünnen Nadeln durchstoßen. Es entstehen dabei feine Kanäle, durch die beider Fermentation Kohlensäure entwichen und die Kellerluft in die Käse eindringen kann. Ihre frische, gleich bleibende Temperatur von rund 10° C und relative Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent bieten dem Pilz Penicillium roqueforti idealen Bedingungen, sich auszubreiten und den Käse gleichmäßig zu durchdringen.

Aufrecht auf Eichenregale gestellt, reifen so die Laibe drei bis vier Wochen lang. Danach wird der Käse von Hand in eine dicke, geschmeidige Zinnfolie gewickelt. Dabei entweicht die Luft und wird das Wachstum des Penicillium roqueforti gebremst. Nun erhält der Roquefort seinen vollen, würzigen Geschmack. Je nach Lagerzeit werden drei Sorten unterschieden: Der „Abeille“ ist nach fünf Monaten ausgereift, der „Templiers“ nach sechs Monaten, für den „Baragnaudes“ beträgt die Reifezeit acht Monate.

Exportiert wird jedoch nur die Sorte „Cave Abeille“- die beiden anderen Sorten verändern während des Transports so sehr ihre Konsistenz, dass sie nicht mehr den Ansprüchen des Handels genügen. Doch wie unvergleichlich köstlicher sie schmecken, zeigt der Kellermeister am Ende des Rundgangs bei der Verkostung mit Weißwein und süffig süßem Sauternes.

Und greift dabei noch kurz in die Geschichtskiste. Früher hieß der Roquefort „fromage des rois“, denn Herstellung und Genuss waren für die Könige reserviert. Im Jahr 1411 erteilte Karl VI. den Bewohnern von Roquefort das Monopol für die Käsereifung in Kalksteinhöhlen des Bergmassivs Combalou im Westen der Cevennen – und erlaubte auch dem Volk den Genuss des Blauschimmelkäses. Merci, Karl!

Der unbekannte Bruder

An der Nordseite der kalkige Hochebene zwischen dem Massif Central und dem Mittelmeer reift eine regionale Variante des Roquefort: der Bleu des Causses AOC. Er wird seit dem 19. Jahrhundert aus Kuhmilch – statt Schafsmilch – hergestellt. Auch durch seine Höhlen ziehen feuchtkalte Luftströme, die den Käse aufblühen lassen und ihm seinen milden, aber intensiven Geschmack verleihen.

Die Quintessenz der südfranzösischen Garrigue-Landschaft heißt Pélardon. Als erster Vertreter der Languedoc-Roussillon darf der nur 60 Gramm schwere Ziegenkäse die kontrollierte Herkunftsbezeichnung „Appellation d’Origine Contrôlée“ (AOC) tragen. Sein festgelegtes Produktionsgebiet erstreckt sich über die Departements Gard, Hérault, Aude, Lozère und Tarn. Hier stellen 360 kleinbäuerliche Betrieben und fünf großen Genossenschaften den kleinen, runden Ziegenkäse her, den bereits Plinius in der Antike in allen Reifegraden schätzte.

Nach der Mindestreifezeit von elf Tagen hat der junge, cremige Käse einen leicht nussigen Geschmack. Sein Inneres ist weiß, die Rinde elfenbeinfarben. Im Laufe der Reifezeit bildet sich auf der Rinde zunehmend ein weißer und blauer Edelpilz; das Innere wird dunkler und bröckelig. Längst findet man den Pélardon nicht mehr nur auf der Käseplatte, sondern auch in der warmen Küche. Als chèvre chaud ruht er, paniert und in Olivenöl gebacken, beim mittäglichen Déjeuner auf einem knackigen grünen Salat. Bon appétit!

Roquefort: Besuch beim Käsemeister

Der Name „Roquefort“ ist seit 1863 geschützt, seit 1925 trägt er das AOC-Prädikat – das Gütesiegel wurde bislang nur 45 Käsespezialitäten in Frankreich verliehen. Produziert wird der königliche Käse von sieben Herstellern. Ihre Keller sind ganzjährig zu besichtigen. Größter Betrieb ist die 1842 von Bauern gegründete Société des Caves. Achtung: Hergestellt wird der Käse nur vom Herbst bis Juni – im Sommer sind die Keller leer!

Société des Caves

2, avenue Frédéric Galtier, F-12250 Roquefort-sur-Soulzon, Tel. 05 65 59 93 30, www.roquefort-societe.com

Cave Papillon

8 bis, avenue de Lauras, F-12250 Roquefort-sur-Soulzon, Tel. 05 65 58 50 08, www.roquefort-papillon.com

Roquefort Gabriel Coulet

Place de l’Église, F-12250 Roquefort-sur-Soulzon, Tel. 05 65 59 90 21, www.gabriel-coulet.fr

Dort gibt es den besten Käse!

Im Heimatland der Käsekultur gibt es einen eigenen Beruf, der seit Jahrhunderten handwerklich hergestellte Käse erst zu einem unvergleichlichen Genuss machen: die Affineurs. Die „Käseverfeinerer“ erhalten die Rohkäse direkt vom Hersteller, meist kleinen Käsereien oder Bauern, und pflegen sie in ihren eigenen Reifekellern. Dort werden sie je nach Sorte gebürstet, gewaschen und gewendet, bis sie das typische Aroma und den gewünschten Reifegrad erreicht haben – und die unverwechselbare Handschrift des Affineurs tragen, der jeden Käse zum Unikat macht (Info: www.fromages-de-terroirs.com).

Fromagerie Gandolf

In den Markthallen von Narbonne macht die alteingesessene Fromagerie Gandolf die Qual der Wahl schwer – wie schön, das Inhaber Alain Sigaud gerne einmal ein Probierstückchen abschneidet.
• 1, boulevard du docteur Ferroul, F-11100 Narbonne, Tel. 04 68 65 09 77, http://narbonne.halles.fr

Fromagerie Puig

Im besten und größten Käseladen der Languedoc-Hauptstadt affiniert Familie Puig seit drei Generationen die Köstlichkeiten des Languedoc auf den Punkt: Roquefort, Tomme du Larzac und Pélardon des Cévennes. Seitdem der Inhaber im Juni 2017 ganz überraschend verstarb, ist die Zukunft des Familienunternehmens ungewiss.
• 23, rue Saint Guilhem, F- 34000 Montpellier, Tel. 04 67 66 17 32

Fromagerie Chez Betty

Betty, schrieb Colette, verachtete Männer, die wegen Wein noch Käse mochten, und es sei nicht an ihr, diese Leidenschaft zu wecken. Käseliebhaber finden hier 350 Spezialitäten – kostet einmal die „boulettes d’Avesnes à la bière“ oder den „camembert au calvados“! Den passenden Wein hält der Keller bereit: einen weißen Maubet aus der Gascogne, einen dunkelroten Irouléguy aus dem Baskenland oder einen blumigen Picpoul de Pinet.
• 21, place Victor Hugo, F-31000 Toulouse, Tel. 05 61 22 17 81. Filiale: Marché des Carmes, Tel. 05 34 31 65 92m www.fromagerie-betty.com

Fromagerie Xavier

Vor mehr als 25 Jahren verließ Xavier sein Heimat im Jura, um fortan in Toulouse trotzt allen Trubels in seinem Geschäft seine Kunden mit bestem Käse und stets charmanter, professioneller Beratung zu beglücken.
• 6, place Victor Hugo, F-31000 Toulouse, Tel. 05 34 45 59 45, www.fromages-xavier.com

Käse-Produzenten, die es zu entdecken lohnt:

Lou Passou Bio

In dem letzten Dörfchen auf dem Causse de Sauveterre, bevor er in die Gorges de Tarn abbricht, produziert Lou Passou Bio in 840 m Höhe aus Schaf- und Ziegenmilch zehn köstliche Bio-Käse nach traditionellen Rezepten.
• Composigno, F-48500 Laval du Tarn, Tel. 04 66 48 46 80, http://loupassoubio.fr

Chèvrerie du Dolmen

Ein beliebter Abstecher von Wanderern auf den Fernwanderwegen GR72, GR700 und GRP Le ist die Käserei von Bertrand Chopin und seine Tochter Léa, wo Ziegenkäse gleich vor Ort genossen werden kann – in der Auberge Le Chalet.
• Le Thort, F-48250 Bastide Puylaurent, Tel. 04 66 46 07 98

Caves de Peyrelade

Seit 1865 wird in den Höhlen von Peyrelade Kuhmilch in köstlichen Bleu des Causses verwandelt.
• F-12640 Rivière sur Tarn, Tel. 05 65 62 61 02

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Die Käse-Könige der Auvergne

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2 Kommentare

  1. Ich seh schon, ich muss wieder einmal nach Roquefort fahren!! Beim letzten Besuch bei Societe gab zur Käsekostprobe nichts zu trinken !! ???? Ich fand den Geruch in den Kellern (wenn sie mit Käse gefüllt sind) immer traumhaft!

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