Waldwunder: Pyrenäen – die wilden Berge

Die Pyrenäen bei Montalba-le-Château
Die Pyrenäen bei Montalba-le-Château

Es gurgelt und rauscht im tiefen Wald. Dann plötzlich blitzt zwischen Jahrhunderte alten Weißtannen wildes Wasser auf, auf dem Sonnenstrahlen wie Sterne tanzen: unterwegs am Pont d’Espagne im Herzen des Pyrenäen-Nationalparks. 100 Kilometer lang, aber nur zehn Kilometer breit, schützt er im Süden Frankreichs nur einen kleinen Teil des mächtigen Gebirges, das Frankreich im Süden zu Frankreich abgrenzt. Wild, ursprünglich und völlig anders als die Alpen.

Die Pyrenäen sind ein echter Grenzfall: Hier endet Europa – und beginnt Afrika. Zumindest für die Geologen – denn hier knallt unsere Kontinental-Platte an das afrikanische Schild. Der Urgestein wurde hochgeschoben, geknickt, gefaltet – schroff und steil zum Felsriegel der Pyrenäen. Bei Saint-Martin-de-Fenouillet könnt ihr auf dem erdgeschichtlichen Wanderpfad Sentier géologique des Hauts de Taïchac direkt an der Bruchkante entlanglaufen.

Weiche Knie im Welterbe

Bei der Schneeschuh-Tour im Cirque Gavarnie mit dabei: Nathalie Morel

„Unbezwingbar“, denke ich, und ein wenig werden die Beine weich. Zwei schmale Bänder halten eiförmige Gitter aus rotem Plastik an meinen Füßen fest. Die Hände klammern sich an Skistöcke. Im Rucksack ist ein Picknick vorbereitet. Ein eisiger Wind bläst aus Südwest.

Breitbeinig folge ich Bernard Josué und stapfe die steile Flanke des Pic du Taillon (3.144 Meter) entlang, während sich mein klappender Schneeschuh im Schnee verkrallt. Stundenlang wandern wir so durch den Gebirgskessel Cirque de Gavarnie. Meterhoch glitzert die weiße Pracht.

Im Hochtal Pont d’Espagne bei Cauterets.

42 Wasserfälle bilden klirrende Kaskaden aus Eis, einige fast 500 Meter hoch. Bricht eine Spitze, halt ihr Echo wie ein Donner. Unser Ziel ist die Brèche de Roland (2.807 Meter). Dort, wo das Schwert des sterbenden Roland diese markante Scharte in die kilometerlange Kalkmauer geschlagen haben soll, hält Josué inne, öffnet den Rucksack und bereitet im Windschatten eines Felsblock ein „gouter“ vor, ein kleines Picknick mit Bergkäse, Hartwurst, Tee und Brot.

Dann holt er ein zerfleddertes Büchlein heraus und reicht es mir. „Die Felswände stehen in einem gigantischen Halbkreis, oben liegt etwas Schnee, und das Ganze ist schön anzusehen…“ schrieb Kurt Tucholsky 1927 in seinem „Pyrenäenbuch“.

Orchideen und Gänsegeier

Gen Westen ragt die Eisspitze des Vignemale 3.298 m hoch in den Himmel – Rekord im Nationalpark. Von Osten weht sanft und mild das Mittelmeer hinüber, von Westen kommt kühlere Atlantikluft: Auch das Klima ist ein Grenzfall. Es ändert sich von Tal zu Tal und sorgt für eine einzigartige Vielfalt.

Pflanzen, anderswo ausgestorben, haben hier überlebt. Pyrenäen-Lilie, Pyrenäen-Baldrian und der Pyrenäen-Steinbrech ist nur hier daheim. Steinadler, Lämmer- und Gänsegeier kreisen am hohen Himmel, Gämse klettern über zerfurchten Fels, Fischotter leben an Flüssen und Seen. In den tiefen Wäldern ist wieder der Braunbär heimisch.

2004 war mit Cannelle die letzte Bärin Frankreichs von der angeblich verirrten Kugel eines Wildschwein-Jägers getötet wurden. Der Nachschub aus Slowenien, fünf Tier und genetisch dem Pyrenäenbär sehr ähnlich, hat sich so gut eingelebt, dass heute rund 40 Bären in den Departements Pyrénées-Atlantiques, Hautes-Pyrénées, Haute-Garonne und Ariège leben.

Die winterlichen Pyrenäen bei Saint-Lary-Soulan

Die Bären sind los!

Geist der Ahnen und Gottheit: Bis weit ins Mittelalter hinein wurde der Bär dort so verehrt. Legenden und Mythen ranken um das Zotteltier. Und wilde Spektakel wie die Fêtes de l’Ours, die Bärenfeste des Vallespir. Im Hochtal des Tech soll einst ein Bär, völlig ausgehungert, eine Schäferin geraubt haben. Holzfäller, die in der Nähe arbeiteten, hörten die Hilferufe des Mädchens und befreiten sie – ein Ereignis, das alljährlich im Februar wieder auflebt. Auch in Prats-de-Mollo-La-Preste.

Drei Männer, die Gesichter rußgeschwärzt, den Körper mit Schafsfellen behängt, rennen durch die Gassen des befestigten Städtchens, die Schäferin in ihren Fängen, Dörfler und Besucher hinterher. Wer sich ihnen in den Weg stellt, wird mit Ruß beschmiert. Und danach? Wird getafelt und getanzt. Und in Strömen fließt… Bärenbier der Brasserie de l’Ours.

Pyrenäen: Blick auf die Berge bei Aurignac

Einzigartig in den Pyrenäen

Gipfelnacht

Auf dem 2877 m hohen Kegel des Pic du Midi seid ihr dem Himmel ganz nah: Schwebt per Gondel zum Planetarium, entdeckt per Teleskop den Sternenhimmel, lasst euch von Marc Berger kulinarisch verwöhnen und erlebt, wie die Pyrenäenkette in der Dämmerung wie Purpur leuchtet.
• Pic du Midi, Rue Pierre Lamy de la Chapelle, 65200 La Mongie, Tel. 05 62 56 70 00, http://picdumidi.com/fr/preparer-votre-sejour/nuit-magique-au-sommet; rechtzeitig reservieren, ist sehr gefragt! 12 DZ. 3 EZ, ab 339 Euro

Heiße Gänge

Oben: 13 gletscherglänzende Dreitausender, die über Belle-Époque-Prachtbauten funkeln. , Unten: Große Gänge in Felswänden, in denen Thermalwasser, 38 – 42 Grad, euch schwitzen lässt. Das Vaporarium von Luchon – ein einzigartiger Natur-Hammam, der die Spionin Mata Hari begeisterte.
• Thermes de Luchon, Cours des Quinconces, 31110 Bagnères-de-Luchon,  Tel. 05 61 79 22 97, www.luchon.com; Mo. – Sa. 15 – 19. So. 10 – 12.30, 13.30 – 17 Uhr

Gorges de la Fou

Enger ist weltweit keine Klamm: Bis auf 70 Zentimeter rücken die Felswände der „Schlucht der Verrückten“, in der Geister und Hexen hausen sollen. Fast 1,8 km lang folgt ein mit Netzen und Notfall-Telefon gesicherter Weg dem Wildbach über Stufe, Stahlgitter und Tunnel – ein Helm ist im Eintritt inbegriffen!
• Gorges de la Fou, 66150 Arles-sur-Tech, Tel.  04 68 39 16 21, www.gorgesdelafou.com, Jul. – Aug. 9.30 – 18.30 Uhr, sonst kürzer; bei Regen geschlossen!

Buchtipp

Dieser Beitrag ist im Waldwunder – vom Glück im Grünen zu sein erschienen. Im Bildband kommen in 37 reich bebilderten Kurzepisoden Reiseschriftsteller und Blogger zu Wort und bieten in vier Kapiteln Reiseinspiration: nordische Wälder, heimische Wälder, Wälder im Osten und Wälder im Süden.

Nach jedem Essay werden die besten Tipps für eigene Entdeckungen vor Ort gegeben. Rätsel und Geschichten, Wunder und Wissen gibt es im Wald-ABC. (…) In Kapitel 10 Fragen an werden Menschen vorgestellt, die eine ganz besondere Beziehung zum Wald haben: Ein Zeidler zum Beispiel, der Bienenvölker nach alter Tradition in Baumhöhlen hält, und eine Duftexpertin – sie fängt den würzigen Duft des Waldes in ihren Parfümkreationen ein.

Waldwunder – Vom Glück, im Grünen zu sein. Ostfildern: DuMont Reiseverlag 2018
272 Seiten- Preis: € 26,90 (D) / 28,90 (A) / 37,50 (CH)
ISBN: 978-3-7701-8222-0. Wer mag, kann den Band hier * direkt online bestellen.

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