Collioure: Auf den Spuren der Fauves

Collioure am frühen Abend. Foto: Hilke Maunder
Collioure am frühen Abend. Foto: Hilke Maunder

„Es gibt in Frankreich keinen blaueren Himmel als den von Collioure. Ich brauche nur die Fensterläden zu öffnen, und schon habe ich alle Farben des Mittelmeeres bei mir.“

Henri Matisse, 1905

Zwei Dinge machten Collioure berühmt: seine Sardellen. Und die Maler, die das malerische Fischerdorf an der felsigen Côte Vermeille in immer neuen Ansichten auf die Leinwand bannten. 1905 kam Henri Matisse mit seiner Familie nach Collioure.

Doch schon früh bemerkte er im ersten Sommer, dass ihm der Austausch mit Gleichgesinnten fehlte. Und lud darauf hin André Derain nach Collioure ein.

Gemeinsam machten den einstigen Fischereihafen zum Sujet der Fauvisten. Andere Maler folgten, unter ihnen Georges Braque, Raoul Dufy, Foujita, Othon Friesz, Juan Gris und Albert Marquet.

Noch immer ein Treffpunkt: Les Templiers. Foto: Hilke Maunder

Bier gegen Bilder

Ihr Treffpunkt wurde eine Restaurantbar an der Hafenpromenade: Les Templiers. Ihr Besitzer René Pous gab sich auch mit Bildern zufrieden, sollte dem Künstler zum Begleichen der Zeche Bares fehlen, und hängte sie an den Wänden auf. Mehr als 3000 Bilder kamen so zusammen…

Ein häufiger Gast in der Bar des Templiers war Pablo Picasso. Auch er bezahlte sein Bier mit Bildern. Sein Sohn Jojo, längst auch ein weißhaariger Senior, führte die Tradition fort . Heute sind die Gaststuben und die Gästezimmer, ja, selbst die Stiegen eine Gemäldegalerie.

Mit Bildern dicht an dicht geschmückt: die Bar des Templiers. Foto: Hilke Maunder

Themenweg zu den Fauves

Zu den Stätten der Maler führt der Chemin du Fauvisme, der an 20 Stationen mit Reproduktionen zeigt, wie die Fauvisten die jeweilige Ansicht im Bild festgehalten haben.  Matisse bezog 1905 in der Rue de la Prud Homie eine Wohnung.

Da neben seiner Frau inzwischen auch drei tobenden und lärmende Kinder gehören, die ihn so bei der Arbeit störten, mietete er schon bald wenige Schritte entfernt eine zweite Wohnung als Atelier.

Gegenüber von der Familienwohnung birgt die alte Schiedsstelle der Fischer heute die Maison du Fauvisme, die geführte Stadtspaziergänge auf den Spuren der Maler anbietet und im kleinen, aber sehr gut sortieren Buchladen Broschüren, Postkarten und Kunstbücher zum Fauvismus bereit hält.

Wer waren die Fauves?

Die Fauves waren eine Gruppe französischer Künstler rund um Henri Matisse, die zwischen 1905 und 1907 in wechselnder Beteiligung miteinander ausstellten. Als ältester und erfahrenster Künstler der Gruppe wurde der Matisse, gerade mal Mitte 30, „Oberhaupt“ der „fauves“.

Inspiriert durch die Kunst außereuropäischer Völker, die Kunst der Impressionisten und der Neo-Impressionisten, von Vincent van Gogh und Paul Gauguin, verselbständigten sie die Farben und vereinfachten die Formen, um zu einer Steigerung der Ausdruckskraft zu gelangen.

Le Mouré am frühen Morgen

Der Moment der Emotion beim Anblick eines Menschen, eines Objektes oder einer Landschaft war wichtiger als die korrekte Form. Schnell auf die Leinwand gestrichen oder geklatscht, um das Gefühl in Farbe zu bannen!

Ihr müsst euch es vorstellen, welch ein „Schock“ das Licht des Südens für die Maler aus dem Norden bedeutet: intensive Farben, Gerüche, fremde Landschaften statt laute Städte, Nebel und Regen, Industrie und Armut.

Zu zweit oder dritt verbrachten die befreundeten Maler  gleich mehrere Monate im Jahr im Süden, um das irisierende Licht einzufangen. Anfangs in Collioure und Saint-Tropez, später auch in L`Estaque an der Côte Bleue von Marseille und La Ciotat, wo schon Paul Cézanne gearbeitet hatte.

Cléo gehört zu den Führerinnen, die euch auf dem Chemin du Fauvisme führen. Foto: Hilke Maunder

Ein Käfig voller Bestien

Dort schufen sie im Rausch der Emotion jene farbenprächtigen Ansichten, die den Kunstkritiker Louis Vauxcelles im Magazin „Gil Blas“ angesichts zweier neo-klassizistischer Statuen von Albert Marquet im Saal von Matisse, Derain und ihren Freunden beim Herbstsalon 1905 in Paris den berühmt gewordenen Spruch ausrufen ließ: „Sieh da, Donatello unter den wilden Tieren!“ (Donattello parmi les fauves).

Damit hatte die lose Gruppe ihr Etikett. Matisse und seine Freunden waren „wilde Tiere“ (franz. „fauves“) . Saal VII der Pariser Kunstmesse war damit eine „cage aux fauves“, ein „Käfig voller Bestien“, während gleichzeitig die Meisterschaft von Ingres und Manet mit Retrospektiven gewürdigt wurde.

Er war kurz und intensiv, der Fauvismus. Gerade mal drei Jahre – von  1905 bis 1907 – dauerte der Stil. Die Künstler vereinte kein Manifest, keine Ideologie. Sondern die Suche nach „Wahrheit“ der Kunst.

Die Farbkomposition legten die Künstlern während der Arbeit an den Gemälden fest. Sie spiegelt sie nicht das Äußere, die objektive Wirklichkeit wider, sondern die innere Schau, die Gefühle der Malenden.

Im Quartier Le Morué sind die Gassen besonders malerisch, die Häuser noch bunter als sonst. Foto: Hilke Maunder

Grobe Formen mit wenigen Details, Verflächigung des Suets und leuchtende Farben, die sie kaum modellierten, sondern gleichwertig auf die Leinwände auftrugen, wurde Markenzeichen der Maler.

Wenn auch Kritiker und das Publikum an den Werken der „fauves“ nichts Bewundernswertes fanden, so waren doch einige Künstler, Kunsthändler und Sammler auf die Gruppe aufmerksam geworden. Nicht nur die Geschwister Stein begeisterte sich für die farbenfrohen und kontrastreichen Kompositionen, sondern auch Ambroise Vollard, der zum Kunsthändler der Fauvisten wurde.

Auf Anraten von Matisse kaufte er im Herbst den gesamten Atelierbestand Derains und beauftragte den Künstler mit einer Serie von London-Ansichten nach dem Vorbild von Claude Monet. Beeindruckt durch die Präsentation der Fauvisten schlossen sich Raoul Dufy, Georges Braque und Othon Friesz aus Le Havre der Gruppe an, experimentierten ihrerseits mit Farbe und stellten bereits 1906 mit den „fauves“ aus.

Notre-Dame des Anges und das Château Royal. Foto: Hilke Maunder

Lieblingsmotive der Fauves

Zu den Lieblingsmotiven der Maler gehörte die  Wehrkirche Notre-Dame-des-Anges, die 1684-1691 von Vauban errichtet wurde. Ihr düsteres Inneres birgt neun Schnitzretabel.  Das Retabel des Hochaltars hat der katalanische Künstler Joseph Sunyer 1689 aus Holz geschnitzt und anschließend mit Blattgold überzogen.

Es handelt sich um ein drei Etagen hohes Triptychon, das den gesamten Bereich des Chores einnimmt. Die Mitte schmückt die Himmelfahrt Mariens. Über ihr thront der himmlische Vater. Der  Glockenturm erinnert nicht zufällig an einen Leuchtturm, hatte er doch tatsächlich früher diese Funktion.

Dahinter bringt euch heute eine Promende zur Îlot St-Vincent, einer winzigen DFelseninsel mit Kapelle – und Paradeblicke auf die Küste und Collioure.

Îlot St-Vincent am frühen Morgen. Foto: Hilke Maunder

Beliebt als Motiv war auch das Château Royal, das auf dem Fundament eines römischen Castrum errichtet wurde und den Königen von Mallorca 1276 – 1344 als Sitz diente. Sein heutiges Gesicht erhielt es 1669-1673 unter Vauban, der die Festung umfangreich ausbaute und verstärkte.

Von März bis Dezember 1939 waren  hinter den dicken Mauern Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs interniert, die als besonders gefährlich galten  – Anarchisten und Kommunisten. Das sogenannte Camp Spécial war berüchtigt für die unmenschliche Behandlung der bis zu 1000 internierten Spanier, von denen einige das Lager nicht überlebten. Mehr zu Retirada findet ihr hier.

Die Königsburg von Collioure gehört bis heute dem Militär, das in Collioure auch trainiert. Foto: Hilke Maunder

Die Königsburg trennt das Hafenbecken Port d’Amont vom Port d’Avall. Unterirdische Gänge, Wehrgänge und der Exerzierplatz könnt ihr dort ebenso besichtigen wie das Gefängnis aus dem 16. Jahrhundert, die Kapelle aus dem 13. Jahrhundert und das Schlafzimmer der Königin.

Natürlich ließen sich die Künstler auch von den bunten Fischerboote inspirieren. Bis zum Bau der Strandpromenade ruhten sie nach getaner Arbeit dicht an dicht auf dem Kieselstrand. Sardellen werden in Collioure seit Jahrhunderten gefischt und verarbeitet. Bei der Maison Roque könnt ihr hinter die Kulissen gucken und die Anchois de Collioure kosten und kaufen.

Das alte Fischerviertel Le Mouré. Foto: Hilke Maunder

Neue Kunst in alten Gassen

Viele Motive fanden die Maler auch im Blumen geschmückten Altstadtviertel Le Mouré mit seinen schmalen Gassen und Treppenwegen, die den Hang jenseits der Steilküste erklimmen.

Heute haben sich da erneut viele Künstler niedergelassen und verkaufen ihre Werke in eigenen Shops oder Gemeinschaftsgalerien wie En Haut de la Rue (rue Dagobert), wo u.a. auch Laurence Lignon Gaillet ihre Zeichnungen ausstellt.

Im Musée d’Art Moderne sind neben Werken von Balbino, Giner, Descossy, Perrot, Baloffi und Cocteau auch die Arbeiten der Preisträger des Prix Collioure zu sehen, die im Museumsatelier ein Jahr arbeiten – und dem Museum zum Dank eines ihrer Werke überlassen.

Morgens in Collioure. Foto: Hilke Maunder

Collioure: meine Reise-Tipps

Schlafen

Hôtel des Templiers

Generationen von Künstlern haben in diesem berühmten Zweisternehaus ihre Kost und Logis mit eigener Kunst bezahlt – ihre Gemälde schmücken heute die engen Stiegen, die Gaststuben und die Gästezimmer.
• 12, quai de l’Amirauté, 66190 Collioure, Tel. 04 68 98 31 10, www.hotel-templiers.com

Le Mas des Citronnier

Hôtel Le Mas des Citronnier

Ruhiger als die Zimmer am Haupthaus direkt an der Einfahrtsstraße sind die zweistöckigen Gartenhäuser mit Terrassen an den modern renovierten Zimmern – oben wie unten.
• 22, Rue de la République, 66190 Collioure, Tel. 04 68 82 04 82, www.facebook.co

Hôtel La Casa Pairal

Le Mas des Citronnier und La Casa Pairal gehören einer Familie – und sind mit einem Durchgang verbunden. Pluspunkte der Casa Pairal sind der kleine Pool und der gemütliche, große Garten, in dem im Sommer das Frühstück serviert wird. Die Zimmer sind charmant nostalgisch.
• Impasse des Palmiers, 66190 Collioure, Tel. 04 68 82 05 81,  www.facebook.com

Bis an den Strand stehen in Collioure die Tische der Bars und Bistros.

Schlemmen

Le Trémail

Die leckere traditionelle Küche von Jean-Paul Fabre, Patron des katalanischen Lokals, hat eine große Fangemeinde, die sich im kleinen Lokal drängt, und doch schnell und sehr freundlich bedient wird.
• 1, rue Arago, 66190 Collioure, Tel. 04 68 82 16 10

La Maison Galy

In dieser Weinhandlung mit rustikal-stylischer Bar servieren der Winzer Christian Galy und seine Lebensgefährtin Florence Aubert leckere Kleinigkeiten zum Wein.
• Avenue Aristide Maillol, Tel. 04 68 88 54 46, www.facebook.com/maisongalycollioure

Le Neptune

Fisch und Fleisch, köstlich wie kreativ zubereitet, zum Paradeblick auf die Bucht. Besonders schön am Abend!
• 9, Route de Port-Vendres, 66190 Collioure, Tel. 04 68  82 02 27, www.leneptune-collioure.com

In der Nähe

Die Essigzauberin von Port-Vendres habe ich euch hier vorgestellt.

Banyuls hat viel investiert zur Saison 2017 – erfahrt es hier.

Ein schöner Tagesausflug auf den Spuren der Kubisten ist Céret. Aus dem charmanten Städtchen kommen alljährlich auch die ersten Kirschen Frankreichs, die traditionell der Präsident erhält. Hier gibt es mehr Infos.

Bei Argelès säumen die letzten Dünen des Roussillon die Küste – hier habe ich das Naturschutzgebiet von Mas Larrieu vorgestellt.

Wer gerne campt, findet in Argelès einen schönen Platz – hier habe ich ihn vorgestellt.

Warum die nahe Anse de Paulilles eine explosive Strandperle ist, erfahrt ihr hier.

Kunstfreunde sollten einen Abstecher nach Céret einplanen, einst Mekka der Kubisten – das dortige Musée d’Art Moderne besitzt mehr als 50 Werke von Picasso und Marc Chagalls berühmte Gouache „Die Kuh unter dem Regenschirm“. Mehr dazu hier im Blog.

Das 15 km nördlich liegende Elne ist die älteste Stadt des Roussillon und war vom 6. – 17. Jh. geistliche Hauptstadt und Bischofssitz.

Nicht verpassen

Eine herrliche Aussicht auf die Küste und die Pyrenäen bietet sich von der Tour de la Madeloc in 656 m Höhe. Die Zufahrt endet an einem Parkplatz, von dem aus mehrere  Wanderwege hinauf zum Signalturm führen.

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