ViaRhôna im Test: von Valence nach Le Pouzin

„Bonjour, was wollt denn ihr Kanarienvögel hier?“ Der Wirt grinst, als er uns am Tresen sieht – mit Regenponcho, schon leicht feuchten Hosen… und sehr kalten Händen. „Zwei Cafés zum Aufwärmen – und ein paar Tipps, wie wir zum Sportboothafen von Epervière kommen.

Erstes Ziel: der Sportboothafen von Valence

Denn genau vor seiner Bar-Tabac war die Asphaltmarkierung verschwunden. Und das ViaRhôna-Schild nur in die Richtung weisend zu sehen, aus der wir gerade aus der Innenstadt von Valence gekommen waren. Bei Ein- und Ausfahrten aus Orten, das hatten wir schon gemerkt, ist auf der ViaRhôna mitunter Spürgeist gefordert.

„Heute seid ihr die ersten, die fragen“, antwortet der Wirt und drückt uns zwei randvoll gefüllte Tassen in die Hand, die herrlich duften. „Bis zum Kreisel, und dann rechts – dann seht ihr schon die Brücke über den Fluss. Der Hafen ist davor, mehr Richtung Stadt – aber da braucht ihr nicht hin. Die Saison ist eh vorbei… und bei dem Wetter…“

420 Liegeplätze bietet der Port der Plaisance von Valence, und ist damit nach eigenen Worten die größte Marina am Fluss. Doch jetzt verschwimmt der Blick aufs Hafenbecken im feuchten Dunst.

Doch der Wind, der uns beim Radeln über die Pont de Mauboule anschiebt, lässt Hoffnung keimen. Kündigt sich etwa der Mistral an? Der die Wolken fortjagt und den Himmel blank putzt? Wenn dabei die Temperaturen sinken sollten, wäre das nicht zu schlimm – unter dem Regenponcho fühle ich mich wie in der Sauna…

Street Art unter der Straße

Mitten auf der Brücke über die Rhône verläuft die Grenze der Départements Drôme und Ardèche. Am Ende ein Schlenker nach rechts, und wir sind auf der Île de Blaud. Wilde Apfelbäume wachsen zwischen hohen Gestrüpp. Schreber aus Valence haben hier ihre Gärten.

In einem großen Bus hinter der Brücke leben Kreative. Mit Sprayern aus der Stadt haben sie die Brückenbögen in eine riesige Open-Air-Galerie mit Street Art, Graffiti und humorvollen Murals verwandelt.

Der Charme von Charmes

Wir strampeln weiter bis Charmes-sur-Rhône, wo eine Zypresse und ein Steinturm sich in die Wolkenberge recken. Ursprünglich thronte das mittelalterliche Feudalschloss der Familie Crussol über dem Ort. Richelieu ließ es 1624 jedoch niederreißen, um Steine für den Bau des Dorfes zu gewinnen.

Hinein in die alte „bourg“ kommt ihr durch die wehrhafte Porte d’Embroye. Clever: Damit ihre Tore nicht mit einem Rammbock aufgestoßen werden konnten, wurde das Stadttor in einer Kurve gebaut. Von dort führt euch der Sentier du Troubadour zu allen sehenswerten Winkeln. Achtung! Das alte Pflaster aus Fluss- und anderen Natursteinen ist bei Nässe fürchterlich glatt!

Atelierbesuch bei Anne

Hinter einer Holztür in der Rue du Péage 28 arbeitet Anne Grenier. Aus Gips formt sie Büsten, die sie anschließend mit Muscheln, Schlüsseln, Stoff oder anderen Materialien zu Kunstwerken gestaltet, die landesweit gefragt sind.

Sie formt Köpfe aus Ton, deren Antlitz ganz und gar mit Linien überzogen ist – eine kunstvolle Interpretation der Skarifizierung. In Afrika, vor allem im Sudan, Tschad und Angola, haben dort die Stämme seit Jahrtausenden ihre Gesichter so mit Ziernarben geschmückt.

Die Liebe zur Kunst, erzählt sie beim Atelierbesuch, wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. 1966 in Tain L-Hermitage hinein geboren in eine Familie, die „schon immer“ Kunst sammelte, kam sie in ihrer Jugend so mit Künstlern wie Elvire Jan, Alfred Mannessier und Jean René Bazaine in Berührung, die sie in ihrem Wunsch bestärkten, als Künstlerin zu arbeiten. „Zuerst habe ich viel gemalt, aber jetzt widme ich mich ganz und gar den Plastiken.“

La sculpture est ma langage premier.

Als wir ihr Atelier verlassen, reißt für einige Minuten der Himmel auf. Sollen wir noch einmal zurück in den alten Dorfkern? Doch es ist schon recht spät… wir treten in die Pedale… und streifen uns fünf Minuten später wieder die Regen-Capes über. Doch der Mistral ist stärker geworden.

Kräftig bläst er aus Nord. Mal mit Regentropfen versetzt, mal trocken, schiebt er uns weiter gen Süden. Wir sausen vorbei an Beauchastel mit seiner malerischen Bourg und seinem Rhône-Kraftwerk, überqueren den Eyrieux, und wechseln in La Voulte-sur-Rhône wieder das Rhône-Ufer. Uii, wehen die Capes im Wind. Zwei gelbe Kanarienvögel im Gewittergrau. Die eintauchen in eine völlig andere Welt…

Île de Printegarde: Dschungel auf der Insel

Jahrhunderte lang war die Rhône hier ein besonders gefährliches Gewässer, und die Passage war für den Fährmann wie auch die Gäste Abenteuer und Herausforderung zugleich. „Prends-toi garde“ sagte man damals – und gab so der Flussinsel Printegarde den Namen, deren amphibischer Dschungel heute ein 14 km langer Naturpfad für Fußgänger und Radfahrer durchzieht.

Haubentaucher und Stockenten leben in dieser mystischen Welt in Grün. Im glasklaren Wasser wiegt sich Flussgras in der Strömung, eine Schwanenparade gleitet vorbei, dann eine einsame Feder. Was für ein Schauspiel der Natur! Stundenlang könnte ich am Ufer hocken und diesem friedlichen Lauf der Welt zuschauen.

Inmitten dieser Urnatur entdecken wir nach einer versteckten Kurve zwei große Schleusentore… mitten in der Landschaft, weitab vom heutigen Strom. Wie hoch die Pegelstände in den letzten Jahrhunderten waren, und welche Wassermengen flussabwärts geströmt sind, verrät am südlichen Ausgang des Naturschutzgebietes ein Flutmarker. Die Höchstmarke erreicht weit mehr als zwei Meter…

Le Pouzin: Das Haus von Jeanne

Wir überqueren die Drôme, und radeln am linken Ufer, begleitet von Maisfeldern, bis zur Brücke, die uns zurück ans rechte Ufer nach Le Pouzin bringt. Accueil Vélo, verrät das Schild an der Fassade des Maison Jeanne, das Christine und Dominique als Unterkunft für Radwanderer und andere Reisende umgewandelt haben – im Erdgeschoss mit einem geräumigen Chambre d’Hôte, im ersten Stock mit einer Ferienwohnung für Familien oder kleine Gruppen.

Das Beste aus Ardèche

Im Hof schnattert des Federvieh, zwischen Büschen und Blüten lugt eine Holzbank mit Schwanenköpfen hervor. Angekommen. Und gleich wird beim Table d’hôte gemeinsam gegessen. „Alles, was auf den Tisch kommt, stammt aus unserem Garten, von unseren Tieren, oder aus der Ardèche“, erzählen unsere Gastgeber. Und servieren zum Auftakt eine „Ardoise Ardèche“, ein Schieferbrett mit köstlicher Charcuterie, Schinken und Käse aus der Region.

Meine Reisetipps

CHARMES-SUR-RHôNE

Schlafen und schlemmen

Le Carré d’Alethius

Außen Natursteinmauern, drinnen Pink, Froschgrün, Schokobraun und helles grau: Gastgeber und Sternekoch Olivier Samin liebt das Spiel mit Gegensätzen und Überraschungen, nicht nur bei der Inneneinrichtung der Zimmer und des Restaurants, sondern auch auf der Karte, die saisonal wechselt.
• 4, rue Paul Bertois, 07800 Charmes-sur-Rhône, Tel. 04 75 78 30 52www.lecarredalethius.com

Coole Kunst

Anne Grenier

Die Künstlerin öffnet Besuchern gerne ihr Atelier – bitte vorher anrufen!
• 28, rue du Péage, 07800 Charmes-sur-Rhône, Tel. 06 77 04 52 17, www.annegrenier.com

LE POUZIN

Schlafen & schlemmen

La Maison d’Anne

In ihrem Bürgerhaus von 1870 werdet ihr euch bestimmt wohlfühlen! E-Bikes können in der Garage direkt am Akku aufgeladen werden – das umständliche Rausnehmen der Batterie ist nicht nötig. An warmen Tagen schön: das Schwimmbecken im 1000 qm großen Garten, der an einem großen Gehege für das Federvieh endet – Dominique ist stolz auf die vielen Arten, die dort leben.
• 11, rue de la République, 07250 Le Pouzin, Tel 06 84 37 76 19, http://maisonjeannelepouzin.com

SERVICE

Âllo Bagage

Richtig entspannt wird die Radtour, wenn ihr nur mit dem Tagesgepäck unterwegs seid – Koffer und Co. transportierten für uns Christian und Michelle von Allô Bagage zwischen Vienne und Pont Saint-Esprit zuverlässig von Ort zu Ort, und immer war schon alles da, als wir eintrafen. Und bei Bedarf nehmen sie auch die Räder mit! Das Gepäck wird nach Gewicht abgerechnet, der Radtransport nach Distanz.
• Tel. 06 09 42 23 78 (Christian), Tel. 06 27 54 72 69 (Michelle), www.materatransport.com

Accueil Vélo

Unterkünfte, die sich verpflichtet haben, radfahrende Gäste freundlich aufzunehmen und entsprechenden Service – Werkzeuge, Abstellplätze, Radreise-Infos – zu bieten, tragen in Frankreich das staatliche Qualitätssiegel „Accueil Vélo“.

Weitere Infos

Offizielle ViaRhôna-Seiten: www.viarhona.com 

Offizielles Radtourismusportal Frankreichs: www.francevelotourisme.com

Fahrradportal der französischen Bahngesellschaft SNCF: www.sncf.com/fr/services/sncf-velo 

Portal des Verbandes für Fahrradrouten und Voies Vertes (grüne, verkehrsfreie Wege): http://af3v.org

Weiterlesen

Das ganze Land

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den  MARCO POLO Frankreich* habe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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1 Kommentar

  1. … diese Etappe war wieder von besonderen Momenten durchzogen. Nachdem wir „Kanarienvögel“ uns auf den Weg gemacht hatten und wieder auf der VIa Rhôna befunden haben, hatte der Fluss mit seinen üppig bewachsenen Ufern uns wieder komplett eingenommen. Diese Ruhe, ab und zu fuhren ein paar gleichgesinnte Velo Fahrer an uns vorbei, man grüßte sich nett (das macht man so unter Velo Fahrern), wünschte sich weiterhiin Bon Voyage und konzenrierte sich wieder auf den eigenen Weg. Die mittlerweile gelernte Beschilderung der Via Rhôna ließ es zu, dass wir bei Abzweigungen und Wegänderungen ohne große Überlegungen der Streckenführung folgen konnten. Überhaupt waren wir ab jetzt so richtig im „Velo Rhytmus“ angekommen und wir konnten uns auf dem Weg einfach treiben lassen. Ganz besonder sschön, war es durch die Île de Blaud zu radeln. Kein Auto, keine Ampel auf die wir achten mussten, so macht Velo fahren Spaß.
    Fazit: Solche Strecken sind Erholung pur für Körper, Geist und Seele…

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